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Gräber von Sinti beeindrucken häufig mit Größe und Pracht / Riesige Trauergefolge zur letzten Ehrerweisung

Die Gräber der Sinti: „Ein Ausdruck der Liebe“

HAMELN. Auf manchen Friedhöfen gibt es Bereiche, die durch besonders prachtvolle Grabstätten auffallen. Häufig sind es Gräber von Sinti, die Eindruck schinden: edle Grabsteine aus Marmor mit reichen Verzierungen, ganze Gruften sind dort zu bestaunen. Doch es gibt auch schlicht gehaltene Gräber, vor allem aus früherer Zeit, zum Beispiel das Grab von Heinrich Weiß, der 1954 die Familie Weiß nach Hameln führte. In jüngerer Zeit sind einige prächtige Gräber hinzugekommen …

veröffentlicht am 10.10.2017 um 15:33 Uhr
aktualisiert am 11.10.2017 um 14:47 Uhr

Grab-Kelly Rosenberg1
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Anfang des Jahres traf Horst Rosenberg (57) ein schwerer Schicksalsschlag. Im Alter von nur 32 Jahren starb sein Sohn Ricardo „Kelly“ Rosenberg an den Folgen eines Herzinfarkts. Sein Grab ist eines der eindrucksvollsten auf dem Friedhof. Sogar ein Klavier ziert seine Gruft. Kelly Rosenberg war ein begnadeter Klavierspieler, der seine Karriere als Sinti-Musiker erst noch vor sich hatte. Sein Vater war gerade dabei, ihn in die Musikszene einzuführen.

Horst Rosenberg erklärt, weshalb die Grabstätte seines Sohnes, so wie viele andere Sinti-Gräber auch, so prächtig ausfallen. „Wir sind ja Christen“, sagt er vorweg. „Von daher liegt mein Sohn dort nicht wirklich, sondern ist im Himmel.“ Aber es sei eine Stelle, die er als Hinterbliebener nun aufsuchen kann. „Es ist ein Ausdruck unseres menschlichen Denkens, ein Weg, seine Liebe zum Ausdruck zu bringen“, fährt Rosenberg fort.

Zu den hohen Kosten, die mit solchen Gräbern verbunden sind, sagt er: „Mein Sohn hätte doch auch noch zu Lebzeiten viel Geld von mir bekommen. Deshalb mache ich das von ganzem Herzen, und ich glaube, meinem Sohn hätte das auch gefallen.“ Es kommen sogar fremde Leute, nur um sich das Grab anzusehen, sagt Rosenberg.

Am 15. Januar 1980 berichtete die Dewezet umfangreich über die riesige Beerdigungsfeier von Karl Weiß. Foto: Archiv
  • Am 15. Januar 1980 berichtete die Dewezet umfangreich über die riesige Beerdigungsfeier von Karl Weiß. Foto: Archiv
Auf diesem Friedhof reiht sich ein prächtiges Sinti-Grab an das andere. Foto: dana/Horst Rosenberg
  • Auf diesem Friedhof reiht sich ein prächtiges Sinti-Grab an das andere. Foto: dana/Horst Rosenberg

Aber nicht nur die Grabstätten, sondern auch die Trauerfeiern fallen bei den Sinti im Vergleich zu denen von Nicht-Sinti häufig außergewöhnlich groß aus. Als Sippensprecher Heinrich Weiß 1963 starb, kamen Hunderte Sinti aus ganz Deutschland, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die Dewezet widmete ihm einen kleinen Artikel. „Der Verstorbene war Stammesältester einer weitverzweigten Zigeunerfamilie gewesen, sodass die Teilnehmer des nach mehreren Hunderten zählenden Trauergefolges weite Reisen nicht gescheut hatten“, hieß es am 6. September 1963 in dem Bericht. „Berge von Blumen und Kränzen zeugten für das Ansehen und die Beliebtheit des Verstorbenen im großen Kreise seiner Angehörigen und Freunde.“

Heinrich Weiß’ Wohnwagen am Rettigs Grund wurde nach der Beerdigung traditionsgemäß – und unter Aufsicht der Feuerwehr – verbrannt. Auch darüber berichtete unsere Zeitung damals kurz. Seinen Ursprung hat das Ritual des Verbrennens der Besitzgegenstände der Verstorbenen Forschern zufolge womöglich im indischen Hinduismus.

Als Karl Weiß 1980 bestattet wurde, war dies der Dewezet sogar einen halbseitigen Artikel mit großem Foto wert. Karl Weiß war als „Bürgermeister“ vom Hamelwehr bekannt und hatte nach dem Tod von Heinrich Weiß die Sprecherrolle seines Vaters übernommen (wir berichteten). Über 500 Sippenangehörige aus ganz Deutschland waren zu der Trauerfeier des mit 53 Jahren verstorbenen Familienvaters erschienen. „Den Rahmen des für Hamelner Verhältnisse üblichen sprengte bei dieser Mammut-Beerdigung neben den Massen der Trauergäste auch der Aufwand, der an Blumenschmuck, -kränzen und -gestecken getrieben war“, hieß es damals in der Zeitung. Darüber hinaus erfuhr der Leser, dass die Sinti nach einem Todesfall so lange auf den Verzehr von Fleisch verzichteten, bis der Verstorbene beerdigt sei. Der Wohnwagen – sofern Karl Weiß denn einen hatte – wurde nicht verbrannt. Dieser Brauch wurde damals kaum noch gepflegt. Die Wohnwagen hatten bereits an Bedeutung verloren.

Die Gräber der Sinti haben bestimmte Bauweisen. „Manche Sinti setzen über den Sarg ein Konstrukt aus Eichenholz, das nach allen vier Seiten und nach oben hin zu ist und nur nach unten geöffnet, wie eine Haube über den eigentlichen Sarg, andere Sinti lassen die Gruft richtig ausmauern“, teilt Stadtsprecherin Janine Herrmann mit. „Hintergrund ist, dass nach dem Glauben der Sinti der Sarg nicht vom Erdboden umschlossen sein soll.“ Während diese Praxis in anderen Kommunen teilweise problematisch ist, gibt es in Hameln damit keine Probleme, wie es auf Anfrage aus dem Rathaus heißt. Beide Varianten seien auf den Friedhöfen der Stadt Hameln zulässig und würden schon immer so praktiziert. Zumindest sei auch den langjährigen Mitarbeitern nichts Anderweitiges bekannt.

Doch das war wohl nicht immer so, wie sich Horst Rosenberg erinnert. Die Gruft, die seine Familie für seinen Vater, Ludwig Laubinger (1976), damals anlegte, sei die erste ihrer Art gewesen. „Das Grab ragt über die Erde hinaus, weil mein Vater sagte: ,Ich will keinen Sand auf mir‘“, schildert Rosenberg. „Erst durfte man das gar nicht. Aber meine Mutter hat das durchgeboxt.“

Die oft außergewöhnliche Größe der Trauergesellschaften führt der Hamelner Sinto Reilo Weiß (69) auf die „letzte Ehrerweisung“ zurück. „Jeder, der den Verstorbenen kannte, möchte dabei sein“, sagt er. Meistens wird außerdem Musik gespielt. Gitarren, Geigen oder etwa Akkordeon sind die Instrumente, die dabei zum Einsatz kommen. „Sinti-Musik“, wie Weiß sagt. „Aus Tradition werden für den Toten noch ein paar gefühlvolle Lieder gespielt.“

So wichtig, wie vielen Sinti im Leben die Gemeinschaft ist, so wichtig ist sie ihnen auch im Tod. „Wir haben es gerne so, dass wir auch auf dem Friedhof alle zusammen sind“, sagt Weiß über die Begräbnisstätte, in der schon viele seiner Familienmitglieder ihre letzte Ruhe gefunden haben.

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Ein kurzer Moment der Sichtbarkeit

„Ehe sich die Stille endgültig durchsetzt und sich wie ein unsichtbares Tuch über die Worte und Gesten der nahen Verwandten legt, gibt es einen letzten Augenblick der absoluten Sichtbarkeit, die es den Sinti erlaubt, sich inmitten der Gadsche (Nicht-Sinti; Anm. d. Red.) als Kollektiv, als Einheit zwischen Lebenden und Toten, die sich respektieren, zu zeigen. Es ist die Beerdigung“, schreibt die österreichische Ethnologin Elisabeth Tauber in ihrem Buch über Sinti in Österreich und Südtirol („Du wirst keinen Ehemann nehmen!“).

„Die Präsenz der Sinti ist für alle sichtbar, und einige Gadsche, die das Geschehen beobachten, sagen: ,Die tun ja gerade so, als wäre ihr König gestorben!‘ Und ist das nicht der Effekt, den die sonst nie als Gruppe auftretenden Sinti damit erzielen wollen? Ist nicht das das Zeichen nach außen – unsere Verstorbenen werden von uns geehrt wie ein König! Das ist die Sprache, die den Gadsche verständlich ist. Wenn sie ihre Verstorbenen auf den Friedhof geleiten, zeigen die Sinti für einen kurzen Moment, wer sie sind.“

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