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Die Geschichte beginnt mit einer Erbschaft

Graf Bernhard und Gräfin Christina von Engern und Ohsen vererben im 9. Jahrhundert Hab und Gut einschließlich ihrer Kirche an das Kloster Fulda. Immerhin liegen die beiden Orte über 200 Kilometer voneinander entfernt. Lange Zeit wird geforscht und nach Dokumenten gesucht, ob diese Verknüpfung auch historischer Prüfung standhält. „Die Frage des Fuldaer Anteils an der Sachsenmission ist lange Zeit umstritten gewesen und auch heute noch nicht in allen Punkten geklärt. Immerhin lassen sich zwei so bedeutende kirchliche Mittelpunkte wie das Bonifatiusstift in Hameln und das Reichsstift Gandersheim heute mit Sicherheit auf Fulda zurückführen“, schreibt Wolfgang Metz 1966.

veröffentlicht am 20.02.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Udo Wolten

Die Ländereien und Güter im Umfeld Hamelons – im Tilithigau (oder auch Tilgithi) als Teil der „Heerschaft“ Engern – liegen im Bereich des Bistums Minden. Schon lange vor der Gründung des Nebenklosters in Hamelon ziehen Missionare von Fulda aus in Richtung Norden, weserabwärts. Wann Christina und Bernhard getauft wurden, ist nicht bekannt; vielleicht waren ihre Eltern bereits zum Christentum bekehrt.

Jahrhunderte lang wird der Einfluss Fuldas maßgeblich bleiben. Die Abtei Fulda, als Mutterkloster des Hamelner Nebenklosters anzusehen, wird von Benediktinern geleitet. Ihre geschichtlichen und geistlichen Wurzeln liegen in Italien, zwischen Rom und Neapel. Der Benediktinerorden beruft sich auf Benedikt von Nursia (ca. 480-547 oder 560). Dessen Grundregeln sind mit den Begriffen Gebet – Arbeit – Gehorsam zusammenzufassen. Benedikts Bestreben war gegen die äußere wie innere Unruhe gerichtet, Besitz ist untersagt. Die Herkunft – ob adlig oder bürgerlich – hat keine Bedeutung; eine neue Gemeinschaft soll entstehen, geprägt durch gemeinsames Beten und Arbeiten. Sie sollte auch ansteckend auf die „Außenwelt“ wirken. Schon 590 wurde mit Gregor (dem Großen) der erste Benediktiner Papst in Rom.

Als die Benediktiner in Hameln seelsorgerlich und verwaltend tätig werden, hat ihr Orden bereits eine 250-jährige Geschichte vorzuweisen. Das Sachsenland ist in diesem Zeitraum (9./10. Jahrhundert) christliches Entwicklungsland. Mission und Seelsorge war auch am Weserlauf eine vorrangige Aufgabe, derer sich die Benediktiner annahmen. Da aber gleichzeitig die Machtansprüche der Franken gegenüber den Sachsen ihre Spuren hinterließen, ist eine Verquickung von Christianisierung und Unterwerfung wohl nicht auszuschließen. Immerhin beauftragte kein geringerer als Karl (der Große) den Abt Sturmi schon 777 mit der Wiederaufnahme der Mission in Sachsen. Wir dürfen also annehmen, dass die Übernahme der Bernhardschen Eigenkirche in Hamelon für die missionarische Tätigkeit neue Möglichkeiten bot. Die Kirche und das Kloster an Hamel und Weser wurden zu einem geeigneten Standort, vielleicht zu einem Zentrum.

Gleichzeitig hatten die Klosterbrüder einen erheblichen Arbeitsaufwand zu leisten, der auch die Leitung, die Verwaltung und den Dienst auf den Gütern des Gaues einschloss. Möglicherweise bekamen diese Tätigkeiten im Laufe des 10. Jahrhunderts sogar ein größeres Gewicht. Vorstellbar ist natürlich auch, dass die missionarische Tätigkeit sie für mehrere Tage mit auswärtigen Übernachtungen in Anspruch nahm, mit Folgen für das gemeinschaftliche Leben im Hamelner Nebenkloster.

Im 9. oder 10. Jahrhundert wurde aus dem Mönchskloster ein „Kollegiatstift“. Aus Mönchen wurden Kanoniker, auch Stiftsherren genannt. Die Regeln des Benedikt, die ja auch ein gemeinsames Wohnen einschlossen, wurden offensichtlich gelockert. So konnten die Herren ihren Verpflichtungen außerhalb des Klosters besser nachkommen. Für ihre Einkünfte standen 12 Vollpräbenden – kirchliche Pfründe – zur Verfügung, bis zu 14 Kanoniker konnten mit einer Pfründe versehen werden.

Die Kanoniker – eine Bezeichnung, die auf die Eintragung ihrer Namen in den Kanon der Kirche zurückgeführt wird, also die kirchlich festgesetzte Ordnung – sind Geistliche verschiedener Weihegrade. Sie wohnen in eigenen Häusern, den Kurien. Diese befinden sich im Umfeld der Stiftsgebäude. Otto Meinardus weist (1887) auf weitere Besonderheiten hin: „Die Gesammtheit der Kanoniker, das Capitel, hatte, wenn nicht etwa eine päpstliche Verleihung vorlag, zu prüfen, ob der neu Aufzunehmende die erforderlichen Bedingungen erfüllte. Offenbar sind hierher die allgemeinen kanonischen Vorschriften der Zugehörigkeit zum geistlichen Stand und ein bestimmtes Alter, gewöhnlich das 14. Lebensjahr, zu rechnen, wobei eheliche Geburt und körperliche Wohlbeschaffenheit vorausgesetzt waren. Die Bedingung, adligen Standes zu sein, wurde in dem unserer Betrachtung zugänglichen Zeitraume nicht gestellt, ja wir finden unter den Kanonikern die bürgerlichen Elemente in überwiegender Weise vertreten. … Der neue Kanonikus musste einen Eid leisten auf die Beobachtung der Statuten und Gewohnheiten des Stifts und hatte als Aufnahmegebühr die sogenannten Weinpfennige, zwei Talente zum Besten des Baufonds und 26 Schillinge für die Chorkappen zu entrichten.“

Nicht Abwendung von der Welt und Besinnung sind nun die prägenden Momente, sondern Ausrichtung auf missionarische und Verwaltungsaufgaben. Die Einrichtung einer Klosterschule gehört dazu, sei es zur Gewinnung gebildeter Christen, sei es zur Bildung zukünftiger Geistlicher. Aus der Nennung von Schülern (scolastici) in früher Zeit lässt sich nicht folgerichtig schließen, dass es bereits eine öffentliche Schule gab. Eher darf man davon ausgehen, dass diese kloster- beziehungsweise stiftsintern unterrichtet wurden. Eine Stiftsschule wird erst 1133 errichtet, diese aber zunächst auch nur für Belange des Stifts (so Sprenger und Mithoff). Trotz des Erbrechts auf Hameln und dessen Umgebung war Fuldas Einfluss schon bald beschnitten. Der „Sprengel“ Hameln wurde dem Bistum Minden zugeordnet. Somit hatte es das Recht, Priester zu weihen beziehungsweise Geistliche einzusetzen, auch für Kirchen und Altäre zu sorgen. Von Polle bis Nienburg erstreckte sich die Weserregion des Mindener Bistums. Minden zog auch den Zehnten vom Stift ein. Die Abtei Fulda behielt das Recht, den Propst einzusetzen, der aus ihren Reihen stammte. Der „Frühgeschichte von Hameln“, von Paul Jonas Meier verfasst, entnehmen wir, dass es um 1000 eine Stiftsmühle an der Hamel gab; Wesermühlen sind noch nicht bekannt.

Zu der erst geringfügig vergrößerten ehemaligen Eigenkirche des Grafenehepaares Bernhard und Christina gehört – wohl am Ende des 10. Jahrhunderts – eine (kleine Krypta). Hier dürfen wir den Aufbewahrungsort der heiligen Reliquien annehmen. Zur Krypta erhielten auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Ansiedlung Einlass, und zwar von der Nordseite. Die Krypta war – so lassen die Ausgrabungen erkennen – durch seitliche Zugangsstollen zu betreten. Das wiederum lässt darauf schließen, dass die Kloster- und spätere Stiftskirche ein Hauptschiff mit zwei Seitenschiffen aufzuweisen hatte.

Gibt es sonst noch bauliche Spuren aus jener Zeit? Im Sockel des nordwestlichen Vierungspfeilers (rechts oberhalb der Treppe zur Krypta) sehen wir den „Löwenstein“ vermauert, allerdings ohne das Vorderteil des Tieres. Er stammt nach Erdmann aus der Zeit um 1000 und wurde im 12. Jahrhundert hier eingefügt. Sonst sind bedauerlicherweise keine Dokumente und Inschriften vorhanden, da 1209 ein Brand den größten Teil des Kirchenbaus und der Ausstattung zerstörte.

1200 Jahre Münster: Anlässlich dieses

Jubiläums blicken wir in jedem Monat auf ein anderes Jahrhundert – heute auf das 10. Mission und Seelsorge war auch am Weserlauf eine vorrangige Aufgabe, derer sich die Benediktiner annahmen. Die Hamelner Kirchengeschichte beginnt mit einer Erbschaft.

Die Bauentwicklung des Münsters um 1000 oder frühes 11. Jahrhundert. Schwarz: ergrabende Befunde und/oder erhaltene Bausubstanz; weiß: Rekonstruktion; graues Raster: mutmaßlich überbaute Fläche.Quelle: Das Münster/ Die Blauen Bücher

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