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„Wir geben unsere Kultur nicht auf“

Der Lebensstil der Sinti - eine Annäherung

HAMELN. „Wir haben nur eine Chance, als Sinti zu überleben, mit unserer Kultur, unserer Eigenständigkeit in Sprache und Brauchtum, wenn wir uns öffnen, Einblick geben in unsere Vorstellung vom Leben“, sagte Romani Rose kurze Zeit, bevor er den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gründete. „Unsere Lebensweise, unsere Kultur ist kein Geheimnis.“ Die meisten Hamelner Sinti sehen das anders.

veröffentlicht am 12.09.2017 um 18:32 Uhr
aktualisiert am 12.09.2017 um 19:28 Uhr

Ihre Sprache, das Romanes, wollen die Sinti für sich behalten. Gegen ein freundliches „Latscho diewes“ ist aber wohl nichts einzuwenden. Foto: wal
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.


Die meisten Sinti in Hameln wollen ihre Sprache, ihre Kultur für sich behalten. Keiner will „der Verräter“ sein, der den Lesern der Dewezet die Sitten und Bräuche der Sinti preisgibt. Zu groß ist das Misstrauen, zu oft sind sie schon gegen sie verwendet worden. Also bleibt dem Journalisten nichts anderes übrig, als Bücher zu wälzen.

Tatsächlich gibt es nur ein einziges und längst vergriffenes Buch über das Romanes, die Sprache der deutschen Sinti. Sie ist keineswegs einheitlich, sondern besteht aus verschiedenen Dialekten. Die 1993 erschienene wissenschaftliche Arbeit „Das Romanes“ basiert auf den Dialekten der Sinti aus Köln, Hildesheim und vor allem aus – Hameln. In den 80er Jahren hatte der österreichische Sprachwissenschaftler Daniel Holzinger vor Ort über das Romanes geforscht. Neben Erklärungen über die Funktionsweise der Sprache erfährt der Leser dabei auch ein wenig über das Leben der Sinti in Hameln.

„Das Volk der Sinte hebt sich kulturell stark von der es umgebenden Mehrheitskultur ab, von welcher möglichst große Distanz gesucht wird“, schreibt Holzinger. Eine Aussage, die heute, gut 25 Jahre später, in diesem Ausmaß sicher nicht mehr zutrifft. Im Alltag gibt es viele Berührungspunkte mit der Mehrheitsgesellschaft – von der Arbeit über Freundschaften bis hin zu verwandtschaftlichen Verhältnissen. Vor allem im Zuge ihrer Hinwendung zum Evangelikalismus, wegen ihres Glaubens an Gott, vor dem alle Menschen gleich seien, haben sich viele Sinti für die Gadsche geöffnet.

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Über ihre Kultur wollen viele Sinti nichts verraten, deshalb dienen Bücher als Infoquellen. Foto: pk
  • Über ihre Kultur wollen viele Sinti nichts verraten, deshalb dienen Bücher als Infoquellen. Foto: pk
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Die Sprache

Das Romanes bezeichnet nicht nur die Sprache der Sinti, sondern auch die anderer Roma-Gruppen. Doch die Unterschiede sind so groß, dass sich die verschiedenen Gruppen so gut wie gar nicht verständigen können. Seinen Ursprung hat das Romanes in Indien, wo es zu Beginn des ersten Jahrtausends n. Chr. entstand. Es zählt zur indoarischen Sprachfamilie und ist eng mit dem Sanskrit verwandt. Noch heute sind manche Begriffe identisch. Später wurde es von iranischen und armenischen Sprachen sowie vom Griechischen beeinflusst. Weitere Dialekte bildeten sich seit dem 14. Jahrhundert im Zuge der Auswanderung vom Balkan nach Nord- und Westeuropa. Weltweit am meisten verbreitet ist der Vlax-Dialekt aus Rumänien. Das Romanes der Sinti zählt nicht dazu. Da die Sprache nicht konkret gefördert wird, droht sie in Deutschland, wie anderswo, von der Dominanzsprache verdrängt zu werden. Gleichzeitig erfährt das Romanes eine Renaissance im Internet, wo sich Sinti miteinander austauschen.

Als Gadsche oder auch Chale werden alle Nicht-Sinti bezeichnet. Dabei wird auch zwischen den Dingen unterschieden. Den Dingen der Gadsche, die als „roh“ („ialo“) gelten, und denen der Sinti, die „gekocht“ sind: „romano“ sagen die Sinti in Südtirol, wie die österreichische Ethnologin Elisabeth Tauber in ihrem Buch „Du wirst keinen Ehemann nehmen!“ (2006) schreibt.

Auch in den Namen der Sinti kommt die Abgrenzung von den Gadsche zum Ausdruck. Zusätzlich zu ihrem Namen, der im Pass steht, haben die meisten noch einen Sinti-Namen, der – unter Sinti – ihr Rufname ist. Es sind „sehr oft Namen von Vögeln und anderen Tieren; von Blumen, Früchten und anderen Dingen, die die Natur uns schenkt“, erklärt die Sintezza Philomena Franz in ihrem Buch „Zigeunermärchen“ (1982), Namen wie Trauba oder Spatzo.

Die Abgrenzung von den Gadsche sei, wie der Ethnologe Rüdiger Vossen in seinem Buch „Zigeuner“ (1983) schreibt, „einerseits durch die vielfältigen negativen Erfahrungen“ mit der Mehrheitsgesellschaft begründet. Andererseits, so Vossen weiter, werde sie aber auch durch ein Bewusstsein über die eigene Andersartigkeit und einen Stolz auf die eigenen Traditionen und Werte gefördert.

„Die Hamelner Sinte sind teilweise ganz seßhaft geworden“, ist bei Holzinger weiter zu lesen. Das heißt, dass schon Anfang der 90er Jahre nur noch wenige Sinti in den Sommermonaten mit dem Wohnwagen ihrem Reisegewerbe nachgingen. „Dennoch“, fährt Holzinger fort, „ist ihre Kultur in erstaunlich ausgeprägter Weise erhalten geblieben, was leicht durch das Weiterbestehen des eigenen Rechtsystems zu erkennen ist.“

Die Kultur der Hamelner Sinti ist in erstaunlich ausgeprägter Weise erhalten geblieben.

Daniel Holzinger, Sprachwissenschaftler

Dieses Rechtssystem besteht aus „Meidungs- und Reinheitsvorschriften“, wie Vossen erläutert. Dies erklärt auch die Abgrenzung von den Gadsche. Die Reinheitsgebote beziehen sich etwa auf den weiblichen Körper und seinen Organismus, auf Hygiene, die Ernährung und den Tod. Daraus leitet sich zum Beispiel ab, dass die meisten Sintezza, also Sinti-Frauen, Röcke tragen, oder dass es Sinti verboten ist, Pferdefleisch zu essen.

Ein weiteres Tabu ist der (unnötige) Umgang mit Ärzten und Krankenschwestern, „da diese durch den häufigen Kontakt mit Krankheiten und dem Tod als ,unrein‘ gelten“, schreibt der Ethnologe. Daher sei es für einen Sinto „undenkbar, in einem Krankenhaus zu arbeiten“.

Verstöße gegen die Reinheitsvorschriften werden geahndet. Dafür wird im Zweifel ein Rechtsprecher zurate gezogen. „Diesem angesehenen alten Mann obliegt die Entscheidung bei Konflikten, Rechtsbrüchen oder auch die allgemeine Beratung“, schreibt die Ethnologin Karin Reemtsma in ihrem Buch „Sinti und Roma“ (1996). „Bestraft wird mit Ausschluß unterschiedlicher Intensität aus der Gemeinschaft.“ Diese Gemeinschaft besteht in der patriarchalischen Großfamilie. Sie „bildet den wesentlichen Kern der Sozialorganisation“, schreibt Holzinger.

Darüber hinaus hat sich die „Hermanation“ erhalten. In Elisabeth Taubers Buch ist zu lesen: „Die Hermanation ist das Übereinstimmen der Mitglieder mit Gesetz und Gebräuchen, die Anerkennung der zentralen Werte, wie sie im Tabusystem und der Ahnenverehrung zum Ausdruck kommen und das hiermit im Einklang stehende Verhalten.“ Gebildet werde sie von einer Gruppe miteinander verwandter Familien.

Allerdings sind die Sinti durch die nationalsozialistische Verfolgung so dezimiert worden, dass viele Familien über nur noch wenige alte Menschen verfügen, welche die Kultur vermitteln und die Einhaltung der sozialen Normen wahren konnten, wie Reemtsma schreibt. Folglich haben viele auch keinen eigenen Rechtsprecher mehr. Letzteres gilt zwar auch für die Hamelner Familie Weiß. Dass das eigene Rechtssystem dennoch so intakt blieb, ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass es unter den Hamelner Sinti in der Nachkriegszeit noch mehrere Alte gab, die das Dritte Reich überlebt hatten und so die Sitten und Bräuche an die jüngeren Generationen weitergeben konnten.

Man könnte die Sinti-Gemeinschaften in unseren Gesellschaften wie Schiffe im Ozean sehen.

Patrick Williams, Ethnologe

Dazu zählt etwa auch, die Toten in Ehren zu halten. „Die enge Beziehung zu den Ahnen, die über die Geschicke der Lebenden wachten, war neben ihrer Sprache und ihren ,Gesetzen‘ das Bindemittel, das die einzelnen Zigeunergruppen über die Jahrhunderte wie ,Pech und Schwefel‘ zusammengehalten hat“, meint Vossen. Wiesemann Rosenberg (50) aus Hameln sagt: „Wir geben unsere Kultur nicht auf. Das geht auch gar nicht. Sie macht uns ja zu dem, was wir sind.“

Die Sprache der Sinti ist das Romanes, auch „Romnes“ ausgesprochen. „Wenn du zu den Sinti ,Latscho diewes‘ sagst, dann freuen sie sich schon mal, das heißt nämlich ,Guten Tag‘“, erklärt der Hamelner Reilo Weiß (69). Aber das war es dann auch schon mit dem Sprachunterricht. Die Sinti wollen ihr Romanes für sich behalten. Kein Sinto bringt einem Chalo seine Sprache bei.

Das Romanes ist ein „wesentlicher Teil der kulturellen Identität“ der Sinti, so Holzinger. Das Misstrauen der Sinti, es zu verschriftlichen und damit auch Nicht-Sinti zugänglich zu machen, sei zudem auf ihre Verfolgungsgeschichte und gegenwärtige Diskriminierung zurückzuführen.

Dennoch fließen auch Romanes-Worte ins Deutsche ein. Mancher Hamelner erinnert sich vielleicht noch an die in den 90er Jahren auf Schul- und Hinterhöfen geäußerte Frage: „Alles latscho?“, zu Deutsch: Alles gut? 2012 landete der Rapper Haftbefehl aus Offenbach mit dem Song „Chabos wissen, wer der Babo ist“ einen Chart-Hit. Chabos, ausgesprochen: Tschabos, ist dem Romanes entlehnt und bedeutet „Jungs“, während Babo sich aus dem Zaza oder Kurdischen ableitet und „Vater“ bedeutet, hier: „Boss“.

Besonders ausgeprägt ist der Einfluss des Romanes aufs Deutsche in Minden. Dort gab es die Buttjersprache, die sich aus Romanes, Jiddisch und anderen Sprachen zusammensetzte. Manche Worte leben in der Alltagsprache der Mindener fort. Einen Eindruck davon vermitteln die Rapper Italo Reno, der selbst Sinti-Hintergrund hat, und Germany in ihrem Song „Minden Slang“.

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Bekannte Sinti

So unsichtbar, wie häufig behauptet wird, sind die Sinti nicht. Es gibt sogar einige prominente Sinti. Eine der bekanntesten ist die Sängerin Marianne Rosenberg („Er gehört zu mir“), die Tochter des Auschwitz-Überlebenden und Bürgerrechtsaktivisten Otto Rosenberg. Ein weiterer bekannter Sinto ist Johann „Rukeli“ Trollmann. Der deutsche Boxmeister kam unter den Nazis im KZ zu Tode. Eine bekannte Sintezza ist die Autorin Philomena Franz. Die Auschwitz-Überlebende verarbeitet ihre Erlebnisse in Büchern und tritt öffentlich als Zeitzeugin in Erscheinung. Viele bekannte Musiker waren Sinti: der Geiger Schnuckenack Reinhardt und der Gitarrist Häns’che Weiß zum Beispiel. Die junge Dotschy Reinhardt ist Sängerin und Autorin. Rapper Jeffrey ist ein Sinto aus Osnabrück; Anfang 2017 veröffentlichte er das Album „Zigeuner“. Einen Sinti-Hintergrund hat auch Rap-Musiker Sido. Ein weiterer bekannter Sinto ist Romani Rose, der Vorsitzende und Mitbegründer des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

Umgekehrt bildet das Deutsch mancher Sinti einen eigenen Slang. Die Sprachmelodie ist etwas anders, die Stimmlage ebenso, und die Grammatik wird der Muttersprache angeglichen. So wird aus: „Ich trinke ein Bier“ etwa „Ich trink’ mir ein Bier“.

Manche älteren Sinti haben die Sorge, dass ihre Sprache auszusterben droht. „Früher konnten viele von uns schlecht Deutsch. Heute sprechen viele von uns schlecht Romanes“, sagt Reilo Weiß. Für ihn ist das Romanes untrennbar mit der Identität der Sinti verbunden. „Es fühlt sich für mich komisch an, wenn ich mit einem Sinto Deutsch sprechen muss oder ein Chalo Romanes spricht.“ Doch während sich die Alten um den Fortbestand ihrer Sprache und Kultur sorgen, diskutieren die Jüngeren sowohl auf Romanes als auch auf Deutsch über ihre Sitten und Bräuche offen und leidenschaftlich bei Facebook und in anderen Internetforen.

„Man könnte die Sinti-Gemeinschaften in unseren Gesellschaften wie Schiffe im Ozean sehen“, schreibt der Ethnologe Patrick Williams im Vorwort zu Elisabeth Taubers Buch. „Sie können sich nicht vor all den Ereignissen schützen, die diese Gesellschaften aufrütteln (es ist ihnen passiert, fortgerissen zu werden!), auch sie sind von den langen Entwicklungen, die diese Gesellschaften transformieren, ergriffen, aber sie vermitteln – dem, der ihr Leben von innen betrachtet – den Eindruck, als hätten sie beschlossen, für all dies unempfänglich, und von all den Episoden, die wir ,die Aktualität‘ nennen, unberührt und in einer unveränderlichen Zeit eingerichtet zu bleiben: Die Zeit, die der Dialog mit ihren Toten – den ,Respekt’ – herstellt.“

Vielleicht ist die Kultur der Sinti in Hameln deshalb noch so stark erhalten. Weil diese „unveränderliche Zeit“ unter den Hamelner Sinti noch besonders lebendig ist.

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