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Fünf Städte in Südniedersachsen wollen gemeinsam ihren Tourismus ankurbeln – gegen das Weserbergland

Der Fachwerk-Krieg

Alte Häuser sollen neue Gäste nach Südniedersachsen locken. Fünf Fachwerkstädte rund um Göttingen starten eine gemeinsame Tourismus-Initiative: Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode, die sich 2012 zum Fachwerk-Fünfeck zusammengetan haben, wollen mehr Gäste in ihre mittelalterlichen Innenstädte locken.

Autor:

Matthias Brunnert

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Fünf Städte in Südniedersachsen wollen ihre historischen Fachwerk-Schätze künftig zusammen vermarkten. Mit einem gemeinsamen Tourismus-Konzept wollen Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode, die sich 2012 zum Fachwerk-Fünfeck zusammengetan haben, mehr Gäste in ihre mittelalterlichen Innenstädte locken.

In gemeinsamen Broschüren, Reiseführern und Tourismus-Karten wollen die Städte auf ihr Fachwerkflair hinweisen und die Außenwahrnehmung steigern, hieß es bei einer Pressekonferenz in Osterode. Zielgruppe seien dabei neben Tagesausflüglern und Kurzurlaubern vor allem sogenannte Stop-Over-Touristen, also Reisende, die einen Zwischenstopp in den Fachwerkstädtchen einlegen.

Eine vom Fachwerk-Fünfeck beauftragte Agentur habe als Stärken neben den Fachwerkbauten der Altstädte die reizvolle Landschaft, die zentrale Lage, die gute verkehrstechnische Anbindung, die Zahl der Beherbergungsbetriebe und die Einbindung in große touristische Netzwerke ausgemacht. Die Städte sollten auf den Wunsch nach Gemütlichkeit setzen und gezielt in „Ausruh-Angebote“ investieren.

  • Wunderschöne alte Fachwerkhäuser sind auch in Hann. Münden zu finden. Foto: Swen Pförtner/dpa
  • Wunderschöne alte Fachwerkhäuser sind auch in Hann. Münden zu finden. Foto: Swen Pförtner/dpa

Nach Jahren der Vorbereitung sei dies das erste größere gemeinsame Vorhaben, in dem alle fünf Städte auch nach außen gemeinsam auftreten, sagte Osterodes Bürgermeister Klaus Becker (parteilos). Die Gästezahlen in den südniedersächsischen Fachwerkstädten waren in den vergangenen Jahren leicht rückläufig. Zuletzt registrierten die Städte zusammen etwa 414 000 Übernachtungen pro Jahr in Hotels und gut 70 000 weitere Übernachtungen in Ferienwohnungen. Die Zahl der Tagesbesucher wird auf 2,4 Millionen geschätzt.

Entstanden sei die Idee zum Fachwerk-Fünfeck bereits im Jahr 2011, sagte Osterodes Bürgermeister Becker. Hintergrund sei die Überlegung, dass die Mittelzentren in Südniedersachsen sich gegenüber dem Oberzentrum Göttingen (rund 117 000 Einwohner) und den nahe gelegenen Tourismusgebieten Harz und Weserbergland nicht einzeln behaupten können.

Information

„Juwel der Weserrenaissance“

Die Hameln Marketing und Tourismus GmbH (HMT) begrüßt die Aktivitäten des Fachwerk-Fünfecks. Kooperationen mit anderen Städten seien immer gut, erklärt Frank Lücke, Teamleiter Tourismus innerhalb der Geschäftsführung. Man selbst gehe ebenfalls diesen Weg wie beispielsweise in der Arbeitsgemeinschaft „Sieben Schlösser und Hameln“, eine Kooperation, die jüngst durch das Schlosshotel Münchhausen verstärkt wurde (wir berichteten). Mit Hann. Münden und Einbeck arbeite man zudem bereits sehr gut zusammen. „Wir wünschen den fünf Städten viel Erfolg“, so Lücke. Hameln habe das Glück, nicht nur mit Fachwerkhäusern, sondern auch mit Sandsteinbauten der Weserrenaissance glänzen zu können. Architekturfreunde würden die Rattenfängerstadt als „Juwel der Weserrenaissance“ bezeichnen. Natürlich ruhe man sich nicht auf den Lorbeeren aus, sondern bleibe am Ball. Erfreulich: 2016 verbuchte Hameln ein Übernachtungsplus von 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für diese Entwicklung sind laut Lücke aber viele Faktoren verantwortlich und nicht nur das schöne Fachwerk.as

Die Mittelzentren mit Einwohnerzahlen zwischen knapp 21 000 (Duderstadt) und gut 33 000 (Einbeck) hatten sich zum Ziel gesetzt, ihre historische Fachwerksubstanz zu erhalten und touristisch zu nutzen, sagte Becker.

In der Anfangs-Euphorie träumt mancher in Osterode, Northeim, Duderstadt, Hann. Münden und Einbeck davon, das Fünfeck könne schon bald in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen werden. Davon sind die Städte trotz ihrer zusammen mindestens 1800 Fachwerkbauten derzeit allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Immerhin hat der Bund den Zusammenschluss im Jahr 2014 in sein Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ aufgenommen und zunächst rund 750 000 Euro Fördergelder bewilligt.

Der erste konkrete Schritt war 2015 die Einrichtung einer Geschäftsstelle in Northeim. Eine Bewerbung als Unesco-Welterbe stehe zumindest vorerst aber hinten an, sagte „Fachwerkmanagerin“ Anna Laura Ulrichs. Das liege zum einen an den Bewerbungskosten in Höhe von mindestens 500 000 Euro. „Zum anderen müssen Bauforscher jetzt erst einmal genau analysieren, was es an historischen Gebäuden gibt“, sagte Ulrichs. „Um sich irgendwann einmal als Weltkulturerbe zu bewerben, muss man das nämlich exakt darlegen können.“

Eine erste schnelle Bestandsaufnahme hatte ergeben, dass es alleine in Duderstadt 486 Fachwerkgebäude gibt. In Hann. Münden sind es 395, in Einbeck 346, in Northeim 325 und in Osterode 271. Dabei handelt es sich nur um die Gebäude, bei denen das Fachwerk auch sichtbar ist. Die ältesten dieser Häuser stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

Neben der Ankurbelung des Tourismus sei jetzt wichtig, die Besitzer der Fachwerkgebäude dafür zu sensibilisieren, „welche Perlen sie da eigentlich haben und welche Fördermittel es für Sanierungen gibt“, sagte Ulrich. „Zudem suchen wir nach möglichen Nutzungen für leer stehende Fachwerkgebäude.“

Ergänzend dazu soll in Hann. Münden ein Fachwerk-Kompetenzzentrum mit Lernwerkstatt entstehen. „Es wird Seminarräume, eine Bibliothek und eine Werkstatt geben“, sagte Ulrichs. „Das Zentrum soll Anlaufstelle für Handwerker und Eigentümer aus allen fünf Städten werden, die sich zum Thema Fachwerk-Sanierung informieren und fortbilden wollen.“

Auch wenn die Umsetzung der Pläne in vielen Bereichen noch aussteht, hat Osterodes Bürgermeister schon Vorteile des Fachwerk-Fünfecks für alle Beteiligten ausgemacht. „Die Mittelzentren in Südniedersachsen sind stark zusammengerückt. Und wir können uns alle Aufgaben teilen, die mit Fachwerk-Tourismus, Fachwerk-Restaurierung und Fachwerknutzung zusammenhängen.“

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