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Als Jugendfußballer des TuS 08 Brakelsiek wurde Frank-Walter Steinmeier „Prickel“ genannt

Der aus dem stillen Dorf

Es ist ein stilles Dorf, aus dem Frank-Walter Steinmeier stammt. Tagsüber zumindest ist es in Brakelsiek sehr still. Eingebettet in eine karge, hügelige Landschaft, wenige Kilometer entfernt von Schieder-Schwalenberg, liegt das Dörfchen mit seinen knapp 1000 Einwohnern.

Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter

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Zentrum des Ortes ist das Altdorf mit großen Bauernhäusern, die auf früheren Wohlstand schließen lassen. Die Felder ringsum werden nur noch von zwei Landwirten beackert – da unterscheidet sich Brakelsiek kaum von anderen Dörfern im Lipperland. Nur große Höfe können überleben. Am Hang liegt ein Wohnviertel, dessen brav in Reih und Glied stehende Häuser wohl in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden sind. Von den verbliebenen beiden Gaststätten hat nur noch der „Postillion“ mit einer ansehnlichen Speisekarte und Kegelbahn am Abend geöffnet und lädt zu Grünkohl-Essen ein.

Eine Schule hatte das Dorf bis vor einigen Jahren. Frank-Walter Steinmeier hat hier die Volksschule besucht, dann aber als einer der ersten aus dem Dorf das Abitur als Fahrschüler in Detmold gemacht. Das Elternhaus des Sohnes eines Tischlermeisters liegt versteckt an einem Hang. Fremde werden es kaum finden. Der äußere Eindruck des Anwesens wirkt eher kleinbürgerlich mit schmiedeeisernem Gitter vor einem der Fenster, weist aber auch eine gewisse Offenheit auf – zur Straße hin gibt es keine Zäune. Auf ein paar Steinplatten geht es zur Haustür. Am Klingelschild findet sich der Name Walter Steinmeier. Doch hinter der Haustür bleibt es still, die Mutter des künftigen Bundespräsidenten scheint nicht daheim zu sein. Auch Steinmeiers jüngerer Bruder Dirk, ein gelernter Schlosser, wohnt noch im Dorf.

So still bleibt es an diesem Tag auch hinter anderen Haustüren im Ort. Hinter dem einen oder anderen Fenster sind verstohlene Blicke zu erhaschen. Der Besucher wird mit seiner Kameratasche als einer aus der Medienwelt erkannt. „Da war inzwischen ganz schön viel Presserummel“, konstatiert Jörg Bierwirth, der Bürgermeister von Schieder-Schwalenberg, zu dessen Gemeinde Brakelsiek gehört. „Und Sie wissen ja, die Lipper sind stur, auch wenn sie das Herz auf dem rechten Fleck tragen.“

  • Das Elternhaus von Frank-Walter Steinmeier Foto: wft
  • Brakelsiek ist Ortsteil von Schieder-Schwalenberg Foto: wft
  • Das Altdorf von Brakelsiek mit einigen schlichten Fachwerkhäusern und ehemaligen Bauernhöfen. Foto: wft

Die wenigen Menschen, die auf den Straßen von Brakelsiek anzutreffen sind, wollen über ihren Frank-Walter oder den „Prickel“, wie er in seiner Jugendzeit als Fußballer des TuS 08 Brakelsiek genannt wurde, nicht reden. „Da gibt es nicht viel zu sagen“, meint eine ältere Dame. „Das ist einfach immer noch einer von uns, wenn er hierher kommt und seine Mutter besucht. Und das macht er regelmäßig. Deshalb ist das auch nichts Besonderes, wenn wir ihn im Ort sehen.“ Dem schließt sich auch Jörg Bierwirth an. „Natürlich ist das einer der superprominenten deutschen Politiker“, bestätigt er. „Steinmeier war schließlich erst Außenminister, dann Fraktionsvorsitzender, Kanzlerkandidat und wieder Außenminister. Aber hier ist er einfach ein Brakelsieker.“

Dass er auch Bürger von Schieder-Schwalenberg ist, sei für ihn keine Veranlassung, beim ersten Besuch als Bundespräsident etwas Besonderes zu veranstalten, sagt Bierwirth. „Das wird er auch gar nicht wollen. Der kommt dann ja einfach nur nach Hause.“ Ob er sich denn vorstellen könne, Steinmeier als dem höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland die Ehrenbürgerwürde von Schieder-Schwalenberg anzutragen, will ich wissen. „Aktuell sicher nicht“, kommt die Antwort ohne langes Überlegen. „Aber irgendwann wird das kommen.“

Den Eindruck, in Brakelsiek herrsche „tote Hose“, will Bierwirth so nicht stehen lassen. „Tagsüber mag es dort still sein, aber Brakelsiek hat eine sehr rege Dorfgemeinschaft. Die Vereine arbeiten intensiv zusammen und kümmern sich beispielsweise in einem Förderverein darum, die alte Schule des Ortes zu einem Dorfgemeinschaftshaus umzugestalten und die dazugehörige Mehrzweckhalle mit Leben zu füllen.“ Und auch der Sport funktioniere noch in Brakelsiek, auch wenn es den Vereinen immer schwerer falle, eigene Mannschaften aufzustellen. „Da schließt man sich dann zu Spielgemeinschaften zusammen.“ Und dann gibt es da auch noch den SFC, den Schalke-Fan-Club, dem wohl auch Steinmeier angehört, denn er ist bekennender Schalke-Fan.

Einer, der Gelegenheit hatte, Steinmeiers 87-jährige Mutter Ursula zu interviewen, war der dpa-Korrespondent Jörg Taron. Ihm hat sie erzählt, dass sie sich eigentlich vorgestellt hatte, ihr Sohn würde Rechtsanwalt werden. Dass er dann eine Politikerkarriere machen würde, habe sich früher so nicht gezeigt. „In der Schule hatte er keine besondere Führungsrolle. Und wir hatten auch mit Politik nichts zu tun.“ Trotzdem sei sie nicht enttäuscht gewesen, dass es nichts mit der Karriere als Rechtsanwalt wurde. „Nur wenn er immer in die Krisengebiete muss, denkt man, ob er nicht etwas anderes hätte machen sollen.“

Wenn er einen Termin in der Nähe habe, rufe er an und sage: „Setz schon mal einen Kaffee auf.“ Auch mit den Vereinen im Ort sei er verbunden. „Er kommt immer zu den Festen, wenn es möglich ist. Und zu Familienfeiern kommt er auch immer.“ Das bestätigen auch die wenigen Gesprächspartner, die in Brakelsiek anzutreffen sind. Sie lassen durchblicken, dass sie schon stolz sind, dass einer aus Brakelsiek Bundespräsident werden soll. Was Ursula Steinmeier ihrem Sohn jetzt wünscht? „Gesundheit, und dass er alles gut über die Bühne kriegt. Aber da zweifle ich nicht an ihm. Wir sind alle stolz auf ihn, die ganze Familie!“, sagte sie Jörg Taron.

Da war inzwischen ganz schön viel Presserummel

Jörg Bierwirth, Bürgermeister von Schieder-Schwalenberg

Wir sind alle ganz schön stolz auf ihn

Ursula Steinmeier, Mutter von Frank-Walter Steinmeier
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