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Unsere Autorin investiert 120 Euro in die digitale Währung

„Bitcoin“-Hype: Lasst das Spiel beginnen!

Der „Bitcoin“ ist derzeit in aller Munde. Von einer „gigantischen Blase“ sprechen die einen, von einer zukunftsweisenden Technologie die anderen. Doch was bedeutet es denn jetzt konkret, mit Bitcoins zu handeln? Ein Selbstversuch.

veröffentlicht am 13.12.2017 um 19:12 Uhr

Kein Bitcoin: Tatsächlich handelt es bei der Währung nicht um reale Münzen, sondern um eine ausschließlich digitale Währung. Foto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Ich hab Bitcoins gekauft“, sagt mein Freund J. „Und von heute auf morgen damit schon siebzig Euro gemacht!“ Er grinst überlegen, wie ein Gewinnertyp, der weiß, wo es langgeht. Und in mir rumort es. Ich will auch gewinnen und mal bei einer großen Sache ganz vorne dabei sein. Andererseits: Was genau stellen diese Bitcoins eigentlich dar, und – sagen nicht alle, es wäre Unsinn, jetzt noch Bitcoins zu kaufen, sie seien eine Spekulationsblase und bald schon keinen Euro mehr wert?

„Bitcoin“, „Digitale Währung“, „Krypto-Währung“ – natürlich habe ich schon davon gehört, und auch Fotos gesehen, von einer Münze mit imprägniertem „B“, im Stil eines Dollarzeichens. Trotzdem ist mir nur vage klar, dass diese Bitcoins, anders als ihr Name es suggeriert, eben gerade keine handfesten Münzen sind. J. hat seine Bitcoins in Form eines Zahlencodes auf seinem PC gespeichert. Gab es nicht gerade einen Artikel darüber, dass jemand Bitcoins im Millionenwert verloren hat, weil er seine alte Festplatte in den Müll gab?

Siebzig Euro gewonnen, von heute auf Morgen – es lässt mich nicht los, auch wenn J. ein Hochstapler ist, und nicht „Bitcoins“ im Plural gekauft hat – wie auch, bei einem Stückpreis um die 12 000 Euro –, sondern nur drei Hundertstel eines Bitcoins. Ich spiele gern Online-Poker, warum also nicht mal Bitcoin spielen? Als ich dann noch zufällig auf Facebook mitbekomme, dass ein weiterer Freund, der Rintelner Journalist Felix Hau, in ganz anderen Dimensionen zum Gewinner wurde, schmilzt meine Widerstandkraft endgültig dahin. Vor vier Jahren hatte Felix zwei Bitcoins erstanden, für zusammen 120 Euro. Aus Spaß. Heute haben die beiden Coins einen Wert von insgesamt über 24 000 Euro.

Jetzt sitze ich nachts am PC, um mein Bitcoin-Wissen zu erweitern und die Regeln für das Bitcoin-Spiel zu erlernen. Und da sind sie wieder, geheimnisvolle Begriffe wie „Kryptowährung“, ergänzt durch „Blockchain“, „Peer-to-Peer-Anwendung“ oder „Satoshi Nakamoto“ (na gut, das ist der Name des Bitcoin-Erfinders). Mir raucht der Kopf. Ich will nicht studieren, ich will spielen! Aber wo sind die Mitspieler? Und wie komme ich an die nötigen Spiel-Chips?

Google verweist mich an allerlei „Börsen“, allesamt englischsprachig und mit ihrem Zahlengewirr so abschreckend wie jede Online-Börsenseite für Leute, die keine Ahnung von Aktien und Kursen haben. Aber dann entdecke ich einen deutschen „Marktplatz“ für Bitcoins: „bitcoin.de“. Man brauche sich nur anzumelden und könne gleich loslegen mit dem Bitcoin-Kauf, heißt es da. Klingt ein bisschen nach „Amazon“ oder „Ebay“. Oben rechts befindet sich der Button „Registrieren“.

Felix Hau hatte seinen Facebook-Freunden erzählt, er habe sich damals, im Jahr 2013, gar nicht viel gedacht bei seinem Bitcoin-Einkauf. Zwar reizte ihn als Verfechter einer wirklich freien Marktwirtschaft der Gedanke, eine Währung zu besitzen, bei der man keiner regulierenden Zentralbank Vertrauen schenken muss; die sicher sei gegen von Banken und Staaten gesteuerte Inflation; wo es ein echtes Bankgeheimnis gäbe, weil die eingesetzte Verschlüsselungstechnik Anonymität garantiere, und man online direkt von Mensch zu Mensch agiert.

Doch in Wirklichkeit habe ihn gewurmt, dass er Jahre zuvor, als er die Chance hatte, in ein später ungeheuer erfolgreiches Zukunftsunternehmen zu investieren, zu ängstlich zum Mitmachen gewesen sei. Das soll mir nicht passieren, denke ich, also, sei’s drum: Ich klicke „Registrieren“.

O – der Marktplatz will aber wirklich genau wissen, wer es ist, der sich da registrieren möchte. Name, Anschrift, Bankdaten gibt man sowieso her. Dazu meine Handynummer, die ich per zugeschickter SMS bestätigen muss. Dann habe ich zu beweisen, dass das angegebene Konto wirklich meines ist, indem ich online eine entsprechende „Sofort-Überweisung“ in Höhe von 22 Cent erledige.

Schließlich soll ich mich auch noch für fast zwanzig Euro einem „Identifikationsverfahren“ unterziehen, also per Webkamera einem entsprechenden Mitarbeiter beweisen, dass ich die bin, die ich bin. Anscheinend tummeln sich Betrüger auf diesem Marktplatz. Alternativ könne ich mich kostenlos identifizieren lassen, wenn ich ein Konto bei der Bank eröffne (und gleich ein Guthaben anlege), die mit „bitcoin.de“ zusammenarbeitet. Huch, ein Bitcoin-Unternehmen arbeitet direkt mit einer konventionellen Bank zusammen? Egal.

Da ich jetzt schon weit über eine Stunde herumgewurschtelt habe, will ich endlich Bitcoins kriegen. Eine ganze „Münze“ kostet in dieser Nacht etwa 12 000 Euro. Ich denke an Felix und werde, so wie er damals, 120 Euro einsetzen. Das ist nicht nichts, aber ich kann die Bitcoin-Anteile ja auch wieder verkaufen. Schnell allerdings stellt sich heraus, dass 120 Euro doch irgendwie „nichts“ sind. Auf dem „Marktplatz“ sieht man zwar in aufblinkenden Listen, dass Menschen ununterbrochen Angebote einstellen und andere Menschen sie kaufen. Bei den günstigsten Angeboten, die immer ganz oben stehen, kann man aber nur zuschlagen, wenn man gleich für mehrere tausend oder gar mehrere zehntausend Euro einkauft. Mini-Bitcoin-Teile kosten im Verhältnis sehr viel mehr.

Wäre es nicht mitten in der Nacht, und hätte ich vor meinem PC Wasser statt Wein getrunken, meine Geduld wäre schon längst verflogen. Doch jetzt gibt es für mich – obwohl mein Herz klopft und meine Hände schweißnass sind – kein Zurück mehr. Felix hat es getan, J. hat es getan, Hunderttausend andere haben es ebenfalls getan – ich werde dabei sein! Ein Klick auf eines der Angebote, es verschwindet aus der langen Liste, und ich erhalte die Nachricht, dass ich online überweisen soll und dann wirklich gekauft habe. Einen winzigen Bitcoin-Bruchteil zu einem ziemlich überhöhten Preis. Was kümmert mich das – bald werde ich für meine eingesetzten 120 Euro bestimmt 12 000 Euro bekommen. Oder?

Am nächsten Morgen fühle ich mich gar nicht mehr euphorisch gestimmt, sondern eher beschämt. Nun bin ich also wirklich unter die Spekulanten gegangen, und dann noch unter die Dummi-Spekulanten, die mit ihrem späten Einstieg überhaupt erst dafür sorgen, dass andere, die früher dabei waren, reich werden können. Für einen Gewinn kann ich nur noch darauf hoffen, dass nach mir weitere Dummis dazustoßen. Mit dem Idealismus des Bitcoin-Erfinders einer freien Währung hat mein Handeln nichts zu tun. Ich will nicht irgendwann mal Waren oder Dienstleistungen mit Bitcoins bezahlen. Ich will mehr Euro. Ich wette auf einen steigenden Wert.

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