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Keine Chance ohne die Tafel / 25-jähriges Jubiläum der Institution in Deutschland

Armgespeist - Tafeln sind wichtiger denn je

Armut hat viele Gesichter. Besonders ältere Menschen und Kinder sind mittlerweile auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Doch oft reicht auch das nicht für den täglichen Bedarf aus. Für sie sind die Tafeln die einzige Chance. 25 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung scheinen sie wichtiger denn je – obwohl es auch leichte Kritik gibt.

veröffentlicht am 15.02.2018 um 11:59 Uhr
aktualisiert am 15.02.2018 um 13:40 Uhr

Die Hamelner Tafel gibt es seit 1999. Seitdem werden dort Menschen versorgt, die sich den Supermarkt mit eigenen Mitteln nicht leisten können. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Jeden Montag erinnert Lynn ihre Mutter: „Morgen ist Tafeltag“. Die Achtjährige sagt es, weil es an diesem Tag Sachen gibt, die sich Daniela Ebert (Name von der Redaktion geändert) sonst nicht leisten kann. Kuchen zum Beispiel. Oder Obst. Das ist für Daniela besonders wichtig, denn sie hat Rheuma. Ohne Krücke kann sie sich nur schlecht bewegen. Wenn sie sieht, wie Supermärkte und Discounter angedetschte Ware am Ende des Tages wegschmeißen, dann ist sie nicht nur traurig, „dann könnte ich kotzen“, sagt sie.

Daniela lebt mit ihrer Tochter von zusammen 1339 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente, Grundsicherung, Kindergeld und Unterhaltsvorschuss. Zum Leben bleiben ihr 400 Euro, wenn sie die laufenden Kosten abzieht. Bis die Anträge bei den Ämtern durch waren, habe sie drei Monate lang von nur 250 Euro gelebt, in dieser Zeit konnte sie noch nicht zur Tafel, denn dort muss man nachweisen, dass man Unterstützung vom Staat bezieht. Gelernt habe sie nichts, aber ihr Leben lang gearbeitet. Als Reinigungskraft, im Verkauf, in der Kneipe. Viel habe sie nicht verdient, aber es habe gereicht.

Der 53-Jährigen sieht man die Armut nicht an. Sie hat sich dezent geschminkt, auf der schmalen Nase hat sie eine Brille mit dunklem Rand, das volle Gesicht ist fast faltenfrei. Zur Tafel kommt sie seit fünf Jahren, jeden Dienstag fährt sie mit den Nachbarn aus der Nordstadt in die Ruthenstraße. Durch sie kannte sie die den Verein bereits.

Ein Foto aus den Anfangstagen der Hamelner Tafel: Kunden werden von einem Lkw aus versorgt. Foto: Dewezet-Archiv/Dana
  • Ein Foto aus den Anfangstagen der Hamelner Tafel: Kunden werden von einem Lkw aus versorgt. Foto: Dewezet-Archiv/Dana

Sie kommt gern. „Uns geht es gut“, sagt sie. Dienstag ist nicht nur der Tag, an dem sie Lebensmittel holt, es ist auch der Tag, an dem sie Freunde trifft. Menschen, denen es geht wie ihr. Manchmal sehe sie in der Stadt alte Frauen mit Rollator, die Mülleimer durchwühlen, die sie aber noch nie bei der Tafel gesehen habe. Sie vermutet Scham. Daniela schämt sich nicht. Doch bei der Frage nach ihren Gefühlen bröckelt ihre Stärke. Sie weint.

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Die Hamelner Tafel

Seit 25 Jahren gibt es die Tafeln. 2018 wird die Tafelbewegung in Deutschland 25 Jahre alt. Die erste ihrer Art wurde 1993 in Berlin gegründet, die Ursprungsidee stammt aus New York.

Die Hamelner Tafel wurde im Juni 1999 von engagierten Bürgern ins Leben gerufen. Seither stieg die Zahl der Kunden stetig. 1104 Berechtigungskarten wurden im vergangenen Jahr ausgegeben. Die Karten stehen für Bedarfsgemeinschaften mit durchschnittlich drei Personen. Zum Vergleich: 2013 waren es 762 Berechtigungsscheine. Berechtigt wären indes noch viel mehr Menschen: Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger liegt in Hameln bei 13,2 Prozent – 5,3 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Bei gut 56 000 Hamelnern könnten also theoretisch 7400 zur Tafel kommen.

In den Anfangstagen der Tafel wurden die Menschen an der Münsterkirche und der St.-Elisabeth-Kirche vom Lkw aus versorgt. Im Dezember 1999 wurde der erste Laden in der Neuen Marktstraße 26 eingerichtet. Seit 2003 ist die Tafel in der Ruthenstraße 10 untergebracht. Organisiert wird sie von 90 Ehrenamtlichen, einem Büroleiter, einem Bufdi und sechs Mitarbeitern, die von Impuls und dem Jobcenter unterstützt werden. Die Hamelner Tafel e. V. finanziert sich größtenteils aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Kundengeldern. Die Liste der unterstützenden Lieferanten ist lang. Weitere Ausgabestellen gibt es seit 2010 in Emmerthal, Aerzen (2012) und Hessisch Oldendorf (2014). Bad Münder unterhält eine eigene Tafel.

Es kommt alles zusammen. Das Alleinsein, seit ihr Mann sie vor drei Jahren verlassen habe, die Rolle als Alleinerziehende, die Krankheit, der ewige Geldmangel. Und dann „die Leute da“. Daniela macht eine Kopfbewegung in den Hof. Sie spricht vom „Untergang Deutschlands“. Dass es immer mehr werden, die kommen. Vor allem Rentner und Ausländer. Auf Letztere ist sie nicht gut zu sprechen. Weil die alles hinterhergeworfen bekämen, sagt Daniela. Weil sie neue Handys, Markenklamotten und Autos hätten. In der Schlange vor der Tafel habe es schon öfter Streit gegeben, „weil die sich vordrängeln“. Der Frust sitzt tief.

Um den Streit zu vermeiden, hat das Tafel-Team ein verschiedenfarbiges Dreigruppen-System eingeführt. Jeder Berechtigte bekommt eine Farbe zugeordnet, mit der er an unterschiedlichen Tagen zu unterschiedlichen Zeiten dran ist. Auf diese Weise ist jeder mal Erster.

Vom Staat fühlt sich Daniela im Stich gelassen. Wählen geht sie schon lange nicht mehr, „weil alles gelogen ist“. Wenn es tatsächlich mal eine Renten- oder Kindergelderhöhung gebe, werde sie ihr von der Grundsicherung wieder abgezogen. Das Bildungs- und Teilhabepaket reiche hinten und vorne nicht.

„Es reicht nur, weil wir zur Tafel gehen“, sagt sie. Und noch etwas bewirke der Verein: Dass sie ein bisschen Geld zurücklegen kann, um mal einen Kaffee in der Stadt zu trinken, um mit ihrer Tochter auf den Weihnachtsmarkt gehen zu können oder – ganz selten – ins Kino. „Ich brauche das“, sagt Daniela.

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Nicht nur Lob

Bei allem Lob gibt es auch Kritik an der Tafel-Bewegung. Hauptvorwurf ist, dass sich die Tafeln inzwischen von ihrem ursprünglichen Ansatz als Notlösung entfernt hätten und der Politik inzwischen als eine Art Alibi dienten. Einer der größten Kritiker ist der Sozialwissenschaftler Stefan Selke. Die Tafeln, die sich um bedürftige Menschen kümmern, leisteten im Prinzip wertvolle Arbeit, sagt er. Wirklich notwendig seien aber politische Lösungen wie eine armutsvermeidende Mindestsicherung, so Selke. Seiner Initiative „Kritisches Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ schlossen sich auch einzelne Verbände von Caritas und Diakonie an.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Es ist erschreckend, wenn man zusammenrechnet, wie viele Leute die Tafel noch in Anspruch nehmen könnten. Noch erschreckender ist, dass die Tafeln seit Längerem Fehlendes ersetzen, statt Überflüssiges zu verteilen. Die Politik macht es sich zu einfach.

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