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dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger im Interview

Über unseriöse Quellen und Fake News

Im Rahmen unserer Serie blicken wir hinter die Kulissen einer Nachrichtenagentur. Im zweiten Teil unseres Berichts über die Deutsche Presse-Agentur gehen wir heute der Frage nach, inwieweit auch dpa von Falschmeldungen betroffen ist, was getan wird, um sie zu verhindern – und warum sie trotzdem passieren. dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger im Interview.

veröffentlicht am 15.05.2017 um 14:42 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:31 Uhr

Im dpa-Newsroom laufen die Nachrichten zusammen und werden weiter verbreitet. Foto: Michael Kappeler
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Herr Homburger, als es noch keine Online-Nachrichten gab, spielte der Faktor Zeit nicht die Rolle, die er heute spielt. Inwieweit hat der Druck, schnell zu sein, die Arbeit auch der dpa verändert?

Froben Homburger: Schnelligkeit ist neben Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit seit jeher einer der Grundpfeiler der dpa-Berichterstattung. Einen Wettlauf um die Zeit liefern sich die großen Nachrichtenagenturen, seit es sie gibt. Gerade bei sehr bedeutenden Ereignissen oder besonders dramatischen Entwicklungen bedeutet Agenturjournalismus immer auch Schreiben im Sekundentakt. Das war früher schon so – und das ist auch heute noch so. Aber natürlich hat sich mit dem Internet vieles verändert – auch die Arbeit und das Selbstverständnis von Nachrichtenagenturen: Sie galten lange Zeit als sogenannte Gatekeeper für Informationen: Wenn sie aus einem Ereignis keine Nachricht machten, hat auch kaum jemand etwas davon erfahren. Diese Zeiten sind vorbei – nicht zuletzt dank der sozialen Medien. Während uns Journalisten früher die meisten Informationen erst einmal exklusiv übermittelt wurden, ist heute sehr vieles sofort für die ganze Welt frei lesbar. Wer wissen will, was US-Präsident Donald Trump so alles denkt und sagt, muss ihm nur bei Twitter folgen. Bei Terroranschlägen twittern die zuständigen Polizeibehörden immer häufiger den aktuellen Ermittlungsstand, noch bevor sie gezielt die Medien informieren. Viele Prominente finden es reizvoll, über Tweets oder Beiträge auf Facebook direkt ihre Fans anzusprechen – also ohne sich erst mit den kritischen Fragen von Journalisten auseinandersetzen zu müssen. Doch viele der in den sozialen Medien veröffentlichten Informationen erklären sich nicht von selbst: Was meint Donald Trump damit, dass Deutschland der Nato riesige Summen schuldet? Was ist unter einer unspezifischen Bedrohungslage zu verstehen, die von einer Polizeidienststelle getwittert wird? Je mehr einzelne Informationsteile frei verfügbar sind, desto wichtiger wird es, diese Bruchstücke kompetent zusammenzusetzen und verständlich einzuordnen. Und deshalb ist dpa mehr denn je nicht nur als reiner Nachrichtenlieferant gefragt, sondern ganz besonders auch als Nachrichtenerklärer. In der Informationsflut des Internets und besonders der sozialen Medien vermischen sich echte und wichtige Nachrichten mit Massen an falschen Behauptungen, übertriebenen Aufgeregtheiten oder schlichtem Unsinn. Für User ist kaum noch zuverlässig zu erkennen, was wahr und was gefälscht ist. „Britney Spears ist bei einem Unfall ums Leben gekommen“, twitterte der offizielle Account des US-Musikunternehmens Sony Music am Mittag des zweiten Weihnachtstages 2016 – und viele, viele Menschen retweeteten die vermeintliche Todesnachricht. Tatsächlich war der Konzern Opfer eines Hackerangriffs geworden, der Tweet war eine gezielte, bösartige Falschmeldung. dpa fiel darauf nicht herein, sondern überprüfte die Information und stellte fest, dass sie nicht stimmen konnte. Hätte sie gestimmt, wäre die dpa-Meldung deutlich später gesendet worden. Aber es wäre eben anders als der Tweet eine geprüfte, bestätigte und verlässliche Nachricht gewesen. Daher: Ja, das Internet hat die Übermittlung von Informationen enorm beschleunigt und damit auch das Arbeitstempo von Nachrichtenagenturen noch einmal erhöht. Aber das hohe Tempo darf niemals auf Kosten der journalistischen Sorgfalt gehen. Verifiziertes von Gerüchten, Herausragendes von Wichtigem und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, ist die beste Antwort, die dpa auf die Informationsflut im Netz geben kann.

Der Fall Höcke (die Rede zum Holocaust-Mahnmal) oder die Geschichte um die Pistenraupe auf vermeintlicher Irrfahrt waren Falschmeldungen, die von dpa verbreitet wurden. Wie kam es dazu und wie oft kommt es zu Falschmeldungen?

dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger Foto: dpa
  • dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger Foto: dpa
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Natürlich macht auch dpa Fehler. Echte Falschmeldungen, die komplett zurückgezogen werden müssen, sind aber absolute Ausnahmen. Und der Fall Höcke gehörte nicht dazu: Die dpa-Meldung zu der massiven Kritik des AfD-Politikers am Holocaust-Gedenken war richtig – bis auf die Überschrift: Dort wurde die zweideutige Formulierung vom „Denkmal der Schande“ fälschlich so zugespitzt, als habe Höcke das Holocaust-Mahnmal als Schande bezeichnet – und nicht den Holocaust selbst. Wir haben diesen Fehler in der Überschrift transparent berichtigt – die restliche Meldung konnte aber so stehen bleiben. Anders war das bei der Pistenraupe: Hier ist dpa tatsächlich auf eine absolute Lügengeschichte hereingefallen. Wir waren durch Berichte anderer Medien auf die vermeintliche Irrfahrt eines Lkw-Fahrers aufmerksam geworden, der eine sogenannte Pistenraupe versehentlich nach Seefeld in Schleswig-Holstein statt nach Seefeld in den österreichischen Alpen geliefert haben soll. Ein dpa-Redakteur aus Schleswig-Holstein rief beim Tourismusverband im österreichischen Seefeld an, der angeblich auf die Lieferung der Schneeraupe wartete. Der Geschäftsführer des Verbandes bestätigte ausdrücklich, dass die Geschichte wahr sei und schickte der dpa sogar ein Foto, das die Raupe auf einem Lkw in Oldesloe zeigte. Auf Grundlage dieser Bestätigung und des Bildes berichteten wir über den kuriosen Vorfall. Doch bald kamen erste Zweifel an der Geschichte auf. Der dpa-Redakteur kontaktierte daher per E-Mail die österreichische Spedition, deren Firmenlogo er auf dem abgebildeten Lkw zu erkennen glaubte. Der Geschäftsführer dieses Unternehmens sagte, er wisse zwar nichts von der ganzen Sache, könne sie aber auch nicht ausschließen. Auch den Tourismusverband in Österreich rief der dpa-Redakteur noch einmal an – und fragte explizit, ob er verschaukelt worden sei. Der Geschäftsführer wies dies entschieden zurück. Erst zwei Tage später gab er zu, gelogen zu haben: Die angebliche Irrfahrt nach Schleswig-Holstein sei ein PR-Gag gewesen. dpa zog daraufhin sämtliche Berichte dazu zurück und beschrieb in einem Hintergrundtext ausführlich, wie es zu dem Fehler gekommen war. Der Geschäftsführer entschuldigte sich für sein Verhalten.

Bei der Irrfahrt der Pistenraupe hat eine Quelle bewusst gelogen – können sich Journalisten davor überhaupt schützen?
Ja, wir hätten den Fehler vermeiden können. Im Journalismus gilt die Regel: Ist eine Geschichte zu schön, um wahr zu sein, ist sie oftmals auch nicht wahr. Das war auch hier der Fall. Deshalb wäre es besser gewesen, sich nicht allein auf die Aussagen des Geschäftsführers des Tourismusverbandes zu verlassen – auch wenn nicht zu erwarten war, dass eine Person in dieser Position bewusst die Unwahrheit sagt. Zu den wichtigsten Instrumenten im Kampf gegen Fake News gehört es, vermeintliche Gewissheiten immer wieder zu hinterfragen. Tweets eines verifizierten Accounts sind immer authentisch? Nein, der Account kann gehackt sein. Der größte Feind der journalistischen Sorgfalt ist das blinde Vertrauen in die eigene Routine. Die meisten Redakteure, die auf Fake News hereingefallen sind, können sich nachträglich an einen kleinen Warnblitz erinnern, der ihnen noch während des Schreibens durchs Gehirn schoss.

Wie sehr schaden derartige Fälle dem Image einer Nachrichtenagentur, die für Seriosität steht?

Jeder Fehler schmerzt. Und jede Falschmeldung ist geeignet, Vertrauen zu zerstören. Umso wichtiger ist eine offene und selbstkritische Fehlerkultur: dpa berichtigt jeden einzelnen Fehler, den sie entdeckt – egal, ob es ein falsch gesetztes Komma, ein Zahlendreher oder ein Tippfehler ist. Und wenn sogar der Kern einer Meldung falsch ist, begnügen wir uns in der Regel nicht mit einer berichtigten Neufassung, sondern nehmen auch öffentlich Stellung, erklären, wie es dazu kam und was wir daraus gelernt haben.

Wie geht dpa intern damit um – gibt es ein Regelwerk?

dpa arbeitet mit einem digitalen Handbuch. In diesem sogenannten „dpa-kompass“ finden sich sehr viele Richtlinien rund um das Thema Recherche und Sorgfalt, die kontinuierlich aktualisiert werden. Sehr detailliert sind beispielsweise die Checklisten zum Umgang mit den sozialen Medien: Wann können wir einem Twitter-Profil vertrauen und einen Tweet als Quelle nutzen? Wie kann ich die Seriosität eines Accounts überprüfen? Wenn es darum geht, etwa bei einem Terroranschlag schnell die Authentizität von Videos oder Fotos zu überprüfen, die im Netz kursieren, stehen uns zudem unsere internen Experten der Netzwelt- und der Foto/Video-Redaktion zur Verfügung. Sie können mit spezieller Software wichtige Hinweise liefern. Neu ist bei dpa der sogenannte Verification Officer. Er leitet ein Team von besonders geschulten Faktencheck-Experten, die die zentrale Anlaufstelle der dpa-Redaktion für alle Fragen rund um das Verifizieren und Falsifizieren von Geschichten, Bildern, Videos, Behauptungen sind. Hilfreich ist auch das „Social Web Radar“ der dpa: Hier verfolgen Redakteure am Newsdesk mit spezialisierten Tools in Echtzeit den riesigen Nachrichtenstrom im Internet. Sie können dadurch sehr frühzeitig noch unbestätigte Gerüchte etwa über einen Terroranschlag herausfiltern. Und je schneller wir solche Hinweise bekommen, desto mehr Zeit steht uns für eine sorgfältige Überprüfung der Gerüchte zur Verfügung. Und auch das schützt vor Fake News.

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