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750 Soldaten hören auf sein Kommando

Es ist der 1. Juni 2012: Der deutsche Oberst im Generalstabsdienst, Hans-Heinrich Matthies, ist gerade einen Tag lang im Amt, als ein Offizier des Stabes in Matthies’ Büro im Feldlager von Prizren stürzt. Er hat keine guten Nachrichten: „Die Einsatzkompanie steht im Feuergefecht.“ Bei der Räumung von Straßenbarrikaden in den serbisch dominierten Provinzen im Norden des Kosovo behindern Kosovoserben die Sicherheitskräfte. Es kommt zu gewalttätigen Ausschreitungen und zu Schusswechseln.

veröffentlicht am 01.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Die Bilanz des ersten Tages als Kommandeur des 32. Deutschen Einsatzkontingents der Kfor ist für Hans-Heinrich Matthies ernüchternd: Zwei deutsche Soldaten werden durch Schüsse verwundet, 19 weitere Soldaten werden mit Knalltraumata, Prellungen und Knochenbrüchen ins Einsatzlazarett des Feldlagers in Prizren eingeliefert. Auch die kosovoweite Organisation des militärischen Rettungsdienstes wird von Prizren aus koordiniert und liegt damit in der Verantwortung des 53-jährigen Rintelners. Die Rettung der Soldaten sei problemlos verlaufen, sagt Matthies: „Dennoch stockte mir erst einmal kurz der Atem.“

Matthies, Vater von zwei Kindern, ist seit 1979 bei der Bundeswehr in der Heeresfliegertruppe. Der studierte Luft- und Raumfahrttechniker war bis zu seiner Abberufung in den Kosovo auf Zeit als Leiter des Bereichs Weiterentwicklung bei der Heeresfliegertruppe in Bückeburg tätig. Mit seiner Frau wohnt Hans-Heinrich Matthies seit 2009 in Rinteln.

Bereits im Februar war Matthies auf einer ersten Erkundungsreise in der Balkan-Region. Sein allererster Eindruck: „Kalt! Ich war überrascht, wie kalt es ist und wie groß die Unterschiede noch zwischen Stadt und Land sind.“

Seit knapp 100 Tagen hat Oberst Matthies jetzt als Kommandeur des Einsatzkontingentes die Rundum-Verantwortung für derzeit 750 deutsche Soldaten im Kosovo. In Kürze wird die deutsche Truppe auf etwa 1500 Soldaten anwachsen. Die infanteristischen, operativen Einheiten der Kfor werden zwar aus dem Nato-Hauptquartier in Pristina geführt, dennoch ist das Feldlager in Prizren im Süden des Landes für deutsche, österreichische und Schweizer Soldaten die logistische Basis für alle Einsätze. Oberst Matthies koordiniert vom Lager in Prizren aus unterschiedlichste Truppengattungen, darunter Feldjäger, Pioniere, Ärzte und Klinikpersonal sowie Entwicklungshelfer, Techniker und auch Brandschützer. Zum 1. Oktober erhöht die Bundeswehr ihre Truppenstärke um rund 750 Soldaten. Die Spannungen zwischen Serbien und Kosovo nehmen wieder zu. Serbien betrachtet das Kosovo als abtrünnig und akzeptiert weiterhin nicht die Unabhängigkeitserklärung von 2008. Seit 1999 beteiligt sich die Bundeswehr am Nato-geführten Einsatz auf dem Balkan, aber ein schneller Abzug aus dem Kosovo scheint derzeit nicht in Sicht. Auch politisch ist die Unabhängigkeit des Kosovo umstritten. Nicht einmal alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union erkennen das Kosovo als souveränen Staat an, dazu zählen Spanien, Griechenland, Rumänien, Zypern und die Slowakei. Von den Mitgliedern der Vereinten Nationen erkennen 91 der insgesamt 193 Staaten die kosovarische Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 2008 an.

Mehr als 8000 Kilometer ist Oberst Matthies mit seinem Fahrer im Land unterwegs gewesen, hat viel gesehen und mit verschiedenen Schlüsselfiguren im Land gesprochen – mit Bürgermeistern, Scheichen, Imamen, Betriebsleitern, Handwerkern und Sicherheitskräften. Alle bestätigten ihm das, was Soldaten, die schon öfter im Kosovo waren, auch erzählen: Nach den Kriegsjahren in den 90ern seien viele Fortschritte im Land zu sehen. Langsam aufkeimender Wirtschaftsaufschwung und ein friedliches Miteinander der muslimischen, serbisch-orthodoxen und katholischen Gläubigen sorgten vor allem im Süden des Landes für Stabilität. Die anhaltenden Konflikte in den nördlichen Provinzen, die hauptsächlich von Serben bewohnt werden, die den Staat Kosovo ablehnen, versprechen aber kaum eine Verbesserung der Sicherheitslage. Im Norden führe das „Katz-und-Maus-Spiel“ zwischen Serben und Zoll- sowie Polizeibeamten der kosovarischen Regierung zuweilen noch immer zu schnell eskalierenden Zwischenfällen.

Die Vereinten Nationen wechseln Mitte September zwar den Status des Kosovo von „überwachter Unabhängigkeit“ auf „unüberwachte Unabhängigkeit“. An der internationalen Militärpräsenz besonders im Nord-Kosovo wird sich indes nicht viel ändern. Zunächst erhalten sogar weitere Soldaten den Marschbefehl Richtung Kosovo.

Wenn am 1. Oktober die zusätzlichen Soldaten im Kosovo voll einsatzfähig sein werden, ist Oberst Matthies nicht mehr zuständig. Nach vier Monaten auf dem Balkan gibt er planmäßig das Kommando über das Einsatzkontingent Ende September ab und kehrt zunächst wieder nach Schaumburg zurück.

Seit drei Monaten trägt der Rintelner Oberst im Generalstabsdienst, Hans-Heinrich Matthies, die Verantwortung für die deutschen Soldaten im Kosovo. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußert sich der Kommandeur des 32. Deutschen Einsatzkontingents zur Sicherheitslage auf dem Balkan, über erste Eindrücke und Perspektiven.

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