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Glücksfall für alle

Biogemüseanbau und Inklusion passen gut zusammen

VLOTHO. Wie gut Biogemüseanbau und Inklusion zusammenpassen, zeigt Gärtner Lothar Warners „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi). Seine Helfer mit Handicaps, Sandra Brock und Christian Weindok, fühlen sich wohl – ein Glücksfall für alle Beteiligten.

veröffentlicht am 11.08.2017 um 14:45 Uhr
aktualisiert am 11.08.2017 um 16:00 Uhr

Sandra Brock und Gärtner Lothar Warner ernten Zucchini. Foto: cm
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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VLOTHO. Mitten im Naturschutzgebiet auf dem Winterberg, zwischen Streuobstwiesen und Hecken, liegen die Äcker, auf denen Gärtner Lothar Warner für die Mitglieder seiner kleinen Gemeinschaft, einer Solawi (Solidarische Landwirtschaft), Gemüse anbaut. Die Beete sind klein. Auf den bewirtschafteten Flächen wechseln sich reihenweise unterschiedliche Gemüsesorten und Blühstreifen ab. Mit großen Maschinen ist hier nichts zu wollen. Hier muss Hand angelegt werden.

„Der Idee einer Solawi liegt eigentlich zugrunde, dass man ,seinen‘ Gärtner auch durch praktische Mithilfe unterstützt,“ erklärt Warner, jedoch gehe dieser Wunsch häufig an der Lebenswirklichkeit von berufstätigen Mitgliedern oder von beteiligten Familien mit kleinen Kindern vorbei.

Für Warner, der lange Jahre im Behindertenbereich gearbeitet hat, lag ein anderer Gedanke nahe, um seine arbeitsintensive Anbauweise auch wirtschaftlich absichern zu können: die Einrichtung von geförderten, integrativen Arbeitsplätzen. Heute besteht das Team auf dem Winterberg aus zwei Gärtnern (Lothar Warner und Falk Kröling) sowie zwei Helfern mit Handicaps, Sandra Brock (37) und Christian Weindok (42). Und man kann sagen, Warners Idee hat sich zum echten Glücksfall für alle Beteiligten entwickelt.

Christian Weindok hat auf seinem integrativen Arbeitsplatz bei der Solawi Vlotho das Treckerfahren gelernt. Foto: cm
  • Christian Weindok hat auf seinem integrativen Arbeitsplatz bei der Solawi Vlotho das Treckerfahren gelernt. Foto: cm

„Christian und Sandra tragen nicht nur dazu bei, dass wir unser Arbeitspensum mittlerweile richtig gut schaffen, sie bereichern unser Team auch durch ihre Persönlichkeit“, meint der Gärtner. „Und die könnte unterschiedlicher nicht sein“, ergänzt er schmunzelnd. Da ist auf der einen Seite Christian, ein sehr zurückhaltender, ruhiger Mann, bedächtig, sanft im Umgang mit Mensch und Tier. „Man kann ihn in seiner Zurückhaltung leicht unterschätzen“, erklärt der Solawi-Leiter, doch er habe Christians Qualitäten im Alltag kennen und schätzen gelernt. Dieser sei für ihn im Laufe der letzten drei Jahre zu einer echten Stütze geworden. „Er kann heute Schlepper fahren, hat ein Händchen für Schafe und Kühe und ist so zuverlässig, umsichtig und selbstständig, dass ich längst nicht mehr bei allen Arbeiten dabei sein muss.“ Die Belastbarkeit von Christian, vor allem im psychischen Bereich, hat Grenzen, und er arbeitet deshalb nur an vier Tagen pro Woche, jeweils etwa sechs Stunden. Doch die Sensibilität, die ihm in unserer hektischen rauen Welt zu schaffen macht, sei auch ein großer Schatz für alle, die mit ihm zu tun haben. Immer wieder wären die Kollegen erstaunt, wenn der stille Mann sich dann schließlich doch einmal äußere. „Da trifft Christian manchmal mit einfachen Worten auch bei wirklich komplexen Themen so den Nagel auf den Kopf, dass wir alle völlig perplex sind.“

Von ganz anderem Temperament sei Sandra. Wo Christian eher vorsichtig ist, stürme diese mutig voran. „Sandra ist unglaublich motiviert. ‚Sag mir, was ich tun soll, und ich lege sofort los‘, ist ihre Devise“, lacht Warner. „Da müssen wir auch manchmal bremsen: ‚Stopp, hör erst mal zu, worauf du besonders achten musst.‘“ In der Vergangenheit habe Sandra manchmal Schwierigkeiten mit Autoritäten in der Arbeitswelt gehabt. Sie ist selbstbewusst, kennt ihre Rechte. Sehr sensibel nimmt sie wahr, ob sie als Mensch anerkannt wird, ob ihre Arbeit wirklich gesehen und gebraucht wird. In Werkstätten der Behinderteneinrichtungen, in denen die Aufgaben doch häufig eher einer Beschäftigungstherapie gleichen, kann man sie sich nicht so recht vorstellen. Und wenn ein Mensch wie Sandra Brock, die mit Kritik im Allgemeinen nicht hinterm Berg hält, auch nach einem Jahr noch sagt, sie komme gern und die Arbeit auf dem Land mache ihr Spaß, dann kann man das als Beweis für ein gelungenes Integrationsprojekt gelten lassen.

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