weather-image
Falscher Hase – falsch angekündigt

11. April 1982: Die Toten Hosen geben ihr erste Konzert

Für die richtig große Karriere hat es nicht gereicht, schon nach drei Jahren gab die Düsseldorfer Band ihr Abschiedskonzert, im legendären „Okie-Dokie“ in Neuss, dann war „ZK“, so ihr Name, Geschichte; nicht mehr als eine kleine Fußnote um eine Punkband, die Schlager- und Rockabilly-Elemente in ihre Musik einband und über Putzfrauenphobien, in Badewannen sitzenden Cowboys oder Weihnachtsmänner mit unerwünschten Geschenken sang.

veröffentlicht am 10.04.2017 um 09:31 Uhr

Campino – Frontmann und Songwriter der Toten Hosen – auf der Bühne in seinem Element. . Archivfoto: dpa
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Doch Sänger Andreas Frege, Gitarrist Andreas von Holst und Roadie Andreas Meurer haben Gefallen am Musikerleben gefunden und gründen kurzerhand eine neue Band, mit Michael Breitkopf, Trini Trimpop und Walter November nennen sie sich „Die Toten Hosen“ und geben Ostern 1982 ihr Live-Debut – und werden als „Die Toten Hasen“ auf den Plakaten angekündigt.

Am Mikrofon steht mit Andreas Frege ein Sänger, der sich in den nächsten Jahren zu einer Rampensau seinesgleichen entwickeln wird, die hohe Zahl der Live-Konzerte und die von Anfang an gesuchte Nähe zu den Fans wird ein Kernstück des späteren Mythos rund um die Hosen werden. Frege also hat sich schon in der Schule nach einer Bonbonschlacht im Klassenzimmer einen Spitznamen eingehandelt, den er als Sänger beibehält: Er ist Campino.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Ihre dritte Single ist „Eisgekühlter Bommerlunder“ und schiebt die Karriere mächtig an, denn das Video wird in einer kleinen bayerischen Kirche gedreht: Kurt Raab gibt einen katholischen Geistlichen, der dem Alkohol nicht abgeneigt ist, Marianne Sägebrecht ist die Braut in einer chaotisch ablaufenden Hochzeitszeremonie.

Danach verlangt die Gemeinde, dass die Dorfkirche neu geweiht wird, das Video selbst wird von den verschnarchten öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme lange boykottiert; ein prächtiger Skandal hat im Musikgeschäft noch selten geschadet.

1988 dann der deutschlandweite Durchbruch mit „Ein kleines bisschen Horrorschau“ mit dem Klassiker „Hier kommt Alex“, die Platte besteht zum größten Teil aus der Bühnenmusik zum Theaterstück „A Clockwork Orange“, ein halbes Jahr steht die Band selbst auf der Bühne und spielt passend zum Stück.

Dann fällt die Mauer, und die Toten Hosen bespielen die Restrepublik im Osten: Ab April 1990 gehen sie auf Fahrradtour in die DDR. Die Instrumente werden mit einem Kleinbus transportiert, der die Gruppe begleitet, gespielt wird in Klubs und Gaststätten in Bitterfeld, Halle, Leipzig, in Dresden reicht eine Scheune als Auftrittsort.

Legendär werden ihre Überraschungsauftritte vor kleinem Publikum. Sie spielen im Frauengefängnis Plötzensee, in der Justizvollzugsanstalt Tegel oder zu Weihnachten 1995 in der Düsseldorfer Strafanstalt Ulmer Höh.

Sie spielten auf einem Elbdampfer in Dresden, in einer Schutzhütte der Österreichischen Bergwacht knapp 2000 Meter über dem Meeresspiegel oder auf der Zugspitze, in der Klosterschule Altötting oder der 5. Psychiatrischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Ochsenzoll und sie treten bei all diesen Veranstaltungen lediglich für Kost und Logis auf. Als das ZDF im Jahr 2003 zur Wahl der einhundert größten Deutschen aufrief, erreichte Campino unter den dreihundert zur Auswahl gestellten Menschen Platz 65.

Millionen verkaufter Tonträger und einer klassischen Stadionhymne („Tagen wie diesen“) später mieten die Toten Hosen auf dem Düsseldoerfer Südfriedhof eine Grabstätte für 17 Personen, in der sie und ihre engsten Freunde beerdigt werden wollen; ewig währt am längsten. Die Gräber der Musiker sollen in Bühnen-Formation angeordnet werden. Sonderwünsche, dass eine Wurlitzer-Musik-Box oder ein Getränke-Automat aufgestellt werden, stoßen bei der Friedhofs-Verwaltung auf wenig Begeisterung. Das erste Familien-Mitglied aus dem Hosen-Clan ist dort schon beerdigt: Uwe Faust, der die Band lange gefahren hatte und bei den Tourneen Mädchen für alles war. Die Musik für seine Beerdigung hat Campino sich bereits ausgesucht, er wünscht sich „Je t’aime“.

Und nichts von toten Hasen.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare