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Der Zauber schlafender Augen

Warum wir nacktem Holz nach strengem Rückschnitt eine Chance geben sollten

Steckt darin noch Leben? Nach dem Winter – und erst recht nach dem vergangenen, der zumindest an zwei Wochen Temperaturen bis zu minus 20 Grad Celsius im Februar bescherte – stellte sich diese Frage bei vielen Gartenbesitzern hinsichtlich zahlreicher Gehölze.

veröffentlicht am 07.08.2021 um 11:00 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Auch das Alter spielt bei Pflanzen eine Rolle, ob sie noch vital genug sind, neue Triebe zu entwickeln. Ein sehr strenger Rückschnitt aufs blanke Holz kann schockierend aussehen, muss aber nichts Schlimmes bedeuten. Denn die sogenannten schlafenden Augen erwachen oft!

Schlafende Knospen werden sie auch genannt. Botanisch tragen sie den Namen Proventivknospe. Proventiv bedeutet: hervorkommend. Genau das tun sie: aus blankem Holz hervorsprießend, irgendwann an einem vielleicht sogar sehr späten Frühlingstag an Ästen und Stämmen und an Stellen, an denen man es nicht erwarten würde. Diese Knospen sitzen unter der Rinde und sind mit bloßem Auge nicht erkennbar. Erst wenn sie hervorbrechen, gelten sie als Vitalbeweis eines Baums oder Strauchs und ebenso bei Rosen.

Dort, so heißt es, können sie Jahre und sogar Jahrzehnte lebensfähig bleiben. Ihre Aufgabe ist die „Wiederherstellung verlorener Organe“. So geschehen zum Beispiel bei einer Zwergblutpflaume (Prunus).

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… der Eindruck täuschte, denn aus zahlreichen schlafenden Augen erwachte der Baum und steht wieder voll im Laub. Fotos: ey

Der Fall: Der Baum war vergreist, weil er jahrelang nicht ausgelichtet worden war.

Die Folge: Er blühte wenig und litt immer mehr an Spitzendürre.

Die Maßnahme: Ein Gärtner lichtete die Krone fast komplett aus; stehen blieben nur Hauptäste.

Das Ergebnis: Nach einigen Wochen erwachten an zahllosen Stellen der Äste die sogenannten schlafenden Augen, sodass die Zwergblutpflaume wieder voll im Saft steht, will heißen: Eine sehr hübsche Krone hat. Die erwähnte „Wiederherstellung der Organe“ ist erfolgt. Aus den Proventivknospen waren zunächst kleine Blätter geworden, die sich zu Zweigen entwickelten und von denen einige in den kommenden Jahren als Äste heranwachsen. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein radikaler Rückschnitt das Wachstum der Pflanzenmasse anregen kann.

Dieses Vorgehen funktioniert gut, solange die betroffene Pflanze vital genug ist. Es kann durchaus vorkommen, dass der erzielte Erfolg nicht eintritt, weil der Baum respektive Strauch krank ist. Jeder starke Rückschnitt aufs Holz ist dennoch nicht als Risiko anzusehen, denn wenn das Gehölz genug Kraft hat, wird es nur wenige Monate dauern, bis es neue Blattmasse entwickelt hat. Dann sieht es wieder schön aus, weil die vertrockneten, vergreisten Bereiche ja entfernt worden sind. Eine Verjüngungskur, im wahren Wortsinn. Hat es diese Kraft nicht, wäre das Belassen des greisen, lichten Antlitzes auch keine Lösung, weil sich daraus jedenfalls keine neuen Blätter und Zweige entwickeln würde. Mit einem starken Rückschnitt kann man im Grunde nichts falsch machen.

Und deshalb freuen sich in diesem Sommer, der noch dazu allen Pflanzen genügend Feuchte und nicht so grausam dürre Tage und Wochen beschert, sicher viele Gartenbesitzer über die schlafenden Augen bei winterharten Gehölzen, die nach einem Rückschnitt erwachten. Und auch solche freuen sich, die ihre nicht winterharten Bäumchen mithilfe eines Frostwächters und viel Vlies zu schützen versuchten und sie mit einem leichten Schnitt im Frühling animierten, ebenfalls aufzuwachen. Christina Wahmes aus Hameln hat auf diese Weise den Oleander, der viel zu schwer und groß geworden ist, um ihn in den Wintergarten zu bringen, am Leben erhalten.



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