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Beetgeflüster

Verfressen, Teil 2

Sie hätte was werden können. Groß und stark vor allen Dingen. Weil die Nacktschnecken ihr Unwesen gerne an solchen Pflanzen treiben, die ungeschützt in der Weltgeschichte herumstehen, was auf die meisten Stauden und Sträucher nun einmal zutrifft, sollte die neue Großblättrige (und übrigens im Unterschied zu ihren Schwestern mehrjährige!) Gartenkresse in einem Topf übersommern, um schließlich erst zur besten Pflanzzeit Ende September im Beet ihren Platz zu erhalten.

veröffentlicht am 29.08.2021 um 11:00 Uhr

Sinnigerweise vorerst geschützt stehend, nicht direkt am Boden, wo die Schädlinge das Lätzchen umbinden, sondern auf der Eisenbank an der Hauswand. Die Schnecken hatten sie auch nicht entdeckt. Das war gut. Dafür die Raupen eines Schmetterlings. Das war schlecht.

Ich wäre nicht so bitter enttäuscht, wenn es sich um eine schlichte, einfache Blume gehandelt hätte, die von den Vielfraßen zugrundegerichtet worden ist. Ich hätte keinen Grund, zu jammern, wenn sich die Raupen eines besonderen Tagfalters wie Schwalbenschwanz oder Großer Eisvogel daran ausgelassen hätten, um zu jenen selten gewordenen Gartengästen heranzuschillern, die im Gesamtarrangement des Mikrokosmos‘ auf dem eigenen Grundstück unheimlich wertvoll sind.

Aber es ist leider anders. Denn erstens ist hier mit der Großblättrigen Gartenkresse eine in Vergessenheit geratene alte Würzstaude zu Kompost geworden, die der deutsche Botaniker und Mediziner Leonhart Fuchs bereits in seinem 1543 verfassten „New Kreüterbuch“ nicht nur beiläufig erwähnte. Und zweitens ist der Untergang dieses ungewöhnlichen Krauts mit dem senfartig-scharfen Geschmack von den Raupen des Kleinen Kohlweißlings hervorgerufen worden. Bei allem Verständnis für die Schöpfung hätte es kein gewöhnlicherer Falter sein können, von Motten mal abgesehen.

Aber in welch einer Geschwindigkeit – famos! Abends noch die Blume gegossen und Freude über sie verteilt. Morgens vor einem blattlosen Gerippe gestanden und die Raupen entdeckt, die mit einem wenig bedauernswerten Ausdruck der Gier enttäuscht an den kahlen Zweigen ihre Wampen rubbelten und nach mehr verlangten. Bei Nacht war das Inferno über dieses arme Kraut hereingebrochen; ob es überlebt, ist unklar. Die Raupen des Kleinen Kohlweißlings sehen jedenfalls so aus, als wollten sie ein Großer Kohlweißling werden. Ich hasse sie. Aber ich lasse sie. Jetzt kann ich für Lepidium latifolium ohnehin nichts mehr tun. Vielleicht hat sich die Pflanze wenigstens darüber gefreut, nicht Opfer von Schnecken geworden zu sein. Wobei: Ob man von einem schönen Cabrio oder einem alten, rostigen Ford Fiesta überfahren wird, nun, letztlich kommt‘s auf dasselbe raus.

Dabei hatte ich mich so gefreut. Diese Art der Gartenkresse ist eine erst in den vergangenen Jahren wiederentdeckte Würzstaude, auf die die Menschen im Mittelalter große Stücke hielten und die mir von einer Gärtnerin als Ableger überreicht worden war. Diese Kresse erinnert geschmacklich an Meerrettich und trägt Nuancen von Senf. Sie wird auch als Pfefferkraut bezeichnet; ihrem scharfen Geschmack entspricht dieser deutsche Name durchaus. Die zarten Blätter im Frühling schmecken am besten, und wer fleißig erntet, nach und nach, dem wird die Pflanze bis zum Herbst immer neue zarte Blätter schenken, aus denen er in Verbindung mit Knoblauch, Salz und Olivenöl zum Beispiel Pesto machen kann oder sich ein paar Streifen auf die Frischkäsestulle legt.

Diese ausdauernde Staudenkresse ist an den Küsten Europas zu Hause, während die uns sehr bekannte einjährige Kresse ihren Ursprung in Persien hat. Zwischen den botanischen Arten L. latifolium und L. sativum liegt demzufolge ein großer Unterschied. Die eine, kleine wächst ja sommers wie winters auch im Pöttchen auf der Fensterbank, die andere groß und stolz im Staudenbeet. Und über diese große Kresse freute ich mich. Aber die Raupen auch. Davon hatte Leonhart Fuchs übrigens nichts geschrieben, damals, im 16. Jahrhundert.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de


Das „Beetgeflüster“ von Dewezet-Autor Jens F. Meyer ist auch als Buch erschienen. Teil 1 & 2 sind in den Geschäftsstellen von Dewezet und Pyrmonter Nachrichten (Osterstraße Hameln und Heiligenangerstraße Bad Pyrmont) erhältlich.



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