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Beetgeflüster

Verfressen, Teil 1

Bis vor einigen Tagen hatte ich angenommen, die Nacktschnecken seien in diesem Jahr mein größter Feind im Garten. Ein Beispiel: Ich musste mich niemals im August fragen, weshalb das Kreuzkraut (Ligularia) nicht blühen will, weil es immer blühte, basta!

veröffentlicht am 22.08.2021 um 12:00 Uhr

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Es ist Freude schönster Farbenfunken, die die ausgezeichnete Sorte ’Othello‘ mit ihren großen, dunklen Blättern versprüht, aus deren überdeckten Tiefen sich im Laufe des Sommers kräftige Stängel entwickeln, an denen endständig dicke Knospen sitzen, die sich zu dunkelgelben, ins Orange changierende Strahlenblüten entfalten.

Es gibt eine englische Rose namens ’Othello‘, auch eine Pelargonium-Hybride, die so heißt, ja, selbst eine Freilandgurken-Züchtung ist so getauft worden. Die oder vielmehr der eindrücklichste ’Othello‘ im Reiche Floras ist ohne Zweifel aber jener Stern-Goldkolben im Staudenbeet, dessen Schicksal es leider ist, von den haus-, aber offensichtlich nicht heimatlosen Gastropoden mindestens genauso gerne verspeist zu werden wie zartester Austrieb vom Rittersporn und im Saft stehende Tagetes.

Mir hätte Böses schwanen müssen bereits im Juni, als die ersten schönen großen, dunklen Blätter dieser im Halbschatten bei relativer Feuchte eindrucksvoll wachsenden Ligularia dentata Lochfraß in einem Ausmaß zeigten, das mir bis dahin unmöglich erschien. Das Bankett war eröffnet worden; mit jedem weiteren Tag sah die stattliche Staude bemitleidenswerter aus. Absuchen und in die Feldmark verbannen sowie Schneckenkorn ausbringen sind die einzigen beiden Gegenmaßnahmen, die ich seelisch noch zu vertreten in der Lage bin.

Das Durchschneiden der Tiere oder das Ertränken in Bier und das miese Morden mittels Essigessenz, das viele Gartenbesitzer anwenden, kommt mir nicht in den Sinn. Rigoroser zu Werke gehende Leidensgenossen werden es nicht verstehen; ich setze aber auch fette Brummer, die sich ins Haus verirrt haben, lieber an die frische Luft, anstatt ihnen mit der Fliegenklatsche beizukommen. Will auch keine Flecke auf Fensterscheiben und Wänden hinterlassen …

Vor dem traurigen Antlitz der weggeraspelten Blütenstände Othellos kniend ist mir die Tragweite meines halbgaren Handelns bewusst. Die spanischen Einwanderer haben nichts übrig gelassen, was jetzt noch am Goldkolben blühen könnte, und waren in der Lage, erstaunlich dicke Triebe, bald so dick wie sie selbst, durchzubeißen, die dann knospenkopfüber zu Boden gefallen sind. Mehr noch als der Ärger flammt in mir über dieses hartbeinige Vorgehen Bewunderung auf.

Sie haben unglaublich kraftvoll zugebissen, und jeden Abend neue Angriffe in einer Gemütsruhe, die maßgeblich für ihren Erfolg zu sein scheint. Ich habe bislang keine einzige Schnecke eilig zur Pflanze flitzen sehen, keine Kondensstreifen entdecken können, die auf irgendeine Art Geschwindigkeit hindeuten würde, denn es sind ja auch Schnecken und keine Hyänen. Aber sie fressen wie welche. Die Frontaloffensiven geschehen im Halbdunkel, leise und stumm, und am Ziel angelangt fällt auf, dass diese Kriecher nur eine Sache relativ schnell tun: fressen.

Deshalb also muss ich auf ’Othellos‘ schönsten Glanz in diesem Jahr verzichten. Ich habe nicht vor, daran zu verzweifeln, ich tue, was ich tun, und lasse, was ich lassen kann, um dem Gleichgewicht der Natur bestmöglich dienen zu können. Außerdem gibt es da noch die Gartenkresse, von der ich in der kommenden Woche erzähle und die es noch viel schlimmer getroffen hat. Denn ich begann diese Zeilen ja so: „Bis vor einigen Tagen hatte ich angenommen, die Nacktschnecken seien in diesem Jahr mein größter Feind im Garten.“

Eine Fehleinschätzung. Ach, es ist ein Jammer …

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de



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