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Tentakel der Verdrängung

Pflanz nie Baumspinat zum Spaß, denn er könnt‘ geladen sein! – Das Exposé dieser bemerkenswert energisch wachsenden Rhizomstaude las sich weit weniger bedrohlich als das, was nach einem Jahr im gemischten Staudenbeet nun herummarodiert. Eine unmögliche Pflanze! Ihre Rhizome haben sich in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum zu enorm kräftigen Tentakeln entwickelt, verweisen alle nebenstehenden Gewächse in ihre Grenzen, behaupten sich sogar gegen die äußerst vitalen Wurzelgeflechte des Hohen Sonnenhuts Rudbeckia laciniata. Vermutlich dürfte selbst die Goldrute machtlos gegen ihn sein; die Pest mit Cholera auszutreiben hat ohnehin nie funktioniert …

veröffentlicht am 26.09.2021 um 10:00 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Es wirkt wie ein Kinofilm: „Angriff der Riesenwürmer“

Was unter der hoch aufragenden Gestalt des Wilden Buchweizens, auch so wird Fagopyrum cymosum genannt, abseits des Tageslichts geschieht, ist von unglaublichem Eifer einer Staude geprägt, die im Fernen Osten als herausragende Heilpflanze Bedeutung hat. In der Chinesischen Medizin werden die Rhizomwurzeln sogar gegen Lungenkrebs eingesetzt. Bis nach Europa hat sich herumgesprochen, dass die Blätter entzündungshemmende Stoffe enthalten, die antirheumatisch und gefäßschützend wirken. Insofern: nix Pest, nix Cholera, sondern beste Arznei aus der Natur.

Nur: Wo der Baumspinat steht, wird im Laufe der Zeit nicht viel anderes wachsen können. Er duelliert sich unterirdisch mit jedem noch so starken Nachbarn und wird jedes dieser Duelle für sich entscheiden. Es war ergo eine schlechte Idee, als ich ihn in das mit unterschiedlichen winterharten Zierpflanzen gut texturiertes Kleinfeld setzte. Der Schaden ist weitestgehend behoben, aber nur, weil ich mit dem Spaten bis in Grundwassernähe bohrte, um auch die tiefsten Ausläufer zu erwischen. Die Rhizome sahen aus wie Würmerwesen aus einer anderen Welt. Es wirkte auf mich, als wenn hier die Neuauflage des schäbigen Kinokultklassikers „Angriff der Riesenwürmer“ gedreht werden könnte.

Jeder gute Gärtner kennt das: Man macht und tut, aber es gibt so viele Ecken und Enden in einem mittelgroßen Garten, die nur nach und nach bewirtschaftet werden können. Also fällt der eine oder andere Teilbereich, einst von feiner Komposition geprägt, in lotterhaft-lethargischen Schlummer, wildert aus. Zwar wächst was, aber meistens nicht das, was wir uns wünschen. Das geht eine Weile so, bis man gekränkt ist und der Entschluss zum Überarbeiten schneller fällt als ein fauler Apfel vom Baum.

Ich buddelte also alle Stauden komplett aus, fügte zusammen, was im Laufe der Jahre auseinandergedriftet war, vor allem die Margeriten, die keine in sich geschlossene Einheit mehr boten, sondern eine Garnison wild gewordener Blumen. Aber schön, ich tat, was ich konnte und setzte einzelne Positionen wieder wie Puzzlestücke zusammen. Mit der Indianernessel ’Squaw‘, rot blühend und allzeit bereit, dem Bienenvolke als nahrhafter Häuptling zu dienen, tat ich es genau so. Auch sie: als Einheit stärker als in zerfledderten Einzelpositionen. Mit den Jahren passiert so etwas schon mal öfter; ein Beet wirkt unaufgeräumt, obwohl die ursprüngliche Auswahl an Arten und Sorten durchaus einem festen Plan gefolgt war und gut aussah. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt der Tag, an dem uns auffällt, dass das Areal in Schieflage geraten ist, wie ein Schiff bei schwerem Sturm. Dann muss das, was noch erhalten ist, vor dem Untergang bewahrt werden, müssen Lücken gefüllt, Löcher abgedichtet werden, um wieder auf Kurs zu kommen.

Als habe eine Horde
Wildschweine gewütet

Und nun, ja, da stehe ich in der aufgewühlten Erde, die so wirkt, als habe eine Horde Wildschweine darin gewütet. Dabei war nur ich es, ich, der Gärtner mit dem Spaten und der Grabegabel, um erst einmal alles herauszuholen und dann wieder zusammenzufügen, was ich für wichtig erachte. Alles andere kommt weg und wird durch neue Pflanzen ersetzt. Welche, das wird sich zeigen, da bin ich für vieles offen, aber nicht für alles. Baumspinat scheidet jedenfalls aus.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de

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Das „Beetgeflüster“ gibt es auch als Buch. „Beetgeflüster 1“ ist ausverkauft, aber „Beetgeflüster 2“ gibt es nach wie vor in den Geschäftsstellen von DEWEZET & Pyrmonter Nachrichten.



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