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Schwere Stürme, tief im Innersten

Wenn Sturm droht, dann bricht in des Gärtners Gemüt ein Orkan aus. Sät der Himmel schönen Wind, freuen wir uns über die Musik, die uns das grazile Spiel der Blätter zu schenken vermag, sei es von hoher Krone niedergehend, forsch und gewaltig wie von einem Sinfonieorchester dargeboten, oder im flüchtigen Hörgenuss des Ziergrases gleich der leisen Poesie einer Akustikgitarre, auf der Barockmusik John Dowlands erklingt.

veröffentlicht am 08.08.2021 um 11:00 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Verdunkelt sich der Himmel aber furchteinflößend, setzt sein gräulichstes Grau über das nächste, durchsetzt von blitzenden Lichtern, macht uns diese Gewitterstimmung zu B(e)etenden.

Die ersten Tropfen prasseln wie Paukenschläge

Eilig versuchen wir zu retten, was zu retten ist, noch da die ersten Tropfen wie Paukenschläge auf unsere Häupter fallen und Böen heftige Stöße gegen unsere Seele setzen. Wo ist das Kordelband, wo sind die Stäbe, mit denen wir den Hohen Sonnenhut und die Wegwarte vor dem Umknicken bewahren können?

Der nächste Windstoß poltert durchs Revier, durch uns hindurch. Er tut weh, nicht im Kopf, nicht in den Gliedern, in unserem Innersten sticht er wie ein Messer ein. Es ist der Schmerz des Gärtners, der im Jetzt ganz gegenwärtig fühlbar ist, obgleich der Grund dafür im Vagen liegt. Noch ist ja nichts passiert, aber wir fühlen, dass die Bedrohung steigt mit jedem schweren Hieb des Himmels.

Äste könnten brechen, Töpfe fallen, Stauden knicken, und die armen Vögel in den Gebüschen, die Schmetterlinge in den Nischen, wie mögen sie sich nun fühlen? Ein wahrhaftiger Gärtner denkt nicht zuerst an mögliche Schäden am Haus, sondern ängstigt sich um den Hausbaum, der ihm Schatten spendet an furchtbar heißen Tagen, der ihn glücklich macht, weil er ihm einen Platz bietet, der von unendlicher Schönheit ist. Was, wenn er fällt? Was, wenn die Krone übergroßen Schaden nähme?

In laublosen Wintertagen spielt das ungestüme Wesen des Himmels eine weniger bedrohliche Rolle; dann fegen die Stürme nur frisch und fordernd durch Äste und Zweige, die den wilden Strömen ausweichen wie ein Torero dem tobenden Stier. Aber in des Sommers Mitte bieten sie mit ihren Blättern dem wilden Zerstörer die größtmögliche Angriffsfläche: Brachial rast der Ungestüme in sie hinein, wirbelt die Welten ganz durcheinander, doch nanz gurcheinander, goch danz nurcheinander, zerzaust die Blätter, bricht das Astwerk, hinterlässt Spuren der Verwüstung. Auch tief in uns.

Zweige brechen, Früchte fallen, Träume platzen

Drüben knicken die hohen Stauden. Kandelaber-Ehrenpreis und Sonnenhut, Königskerze und Wasserdost. Wir können nichts tun, sie müssen da durch. Und die Tomaten, sie stürzen, wo sie in Töpfen stehen. Zweige brechen, Früchte fallen, platzen wie unsere Träume, sie mit Basilikum und Mozzarella zu genießen. Freilich bleibt immer auch etwas übrig, nichts wird zu einhundert Prozent zerstört, aber auch nur eine zerstörte Frucht fühlt sich für uns schrecklich an. Wir leiden mit jedem kleinsten Schaden, wir Gärtner, die den Sturm hassen und den Wind lieben.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de



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