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Klatschknob und Mohnlauch

Eine Wand aus Blüten ist besser als ein Herz aus Stein. Der Klatschmohn, weder wissentlich gesät noch geplant in den vier Knoblauchrondellen, hat zurzeit seinen floralen Höhepunkt, was nicht nur die Hummeln wahnsinnig glücklich macht. Wie es dem Knoblauch geht, kann ich aber nicht mit Gewissheit sagen.

veröffentlicht am 06.06.2019 um 17:11 Uhr

Mohn überragt die Knoblauchbeete – auch gut… Foto: ey

Autor:

Jens F. Meyer
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Denn viel ist von der wertvollen Gewürzpflanze nicht zu sehen. Das wird jetzt insofern etwas schwierig, da im Juli der Zeitpunkt der Ernte naht, die an den gelb und trocken werdenden Blättern festzumachen wäre. Beim Knoblauch ist das so: Zeigt die Pflanze oberirdische Ermüdung, stehen die Knollen im Boden im besten, erntefähigen Saft. Aber der Mohn verhindert derzeit jeden prüfenden Blick auf den Lauch. Dennoch bleibt er stehen. Wer kann schon so grausam sein, diese wilde Schönheit zu rupfen, nur damit das ursprüngliche Projekt durchgezogen wird? Eine Wand aus Blüten ist besser als ein Herz aus Stein.


Wieviel Kraft hat Papaver
dem Allium geraubt?

Jetzt weiß ich natürlich nicht, ob die Mühen des Pflanzknoblauchpflanzens mit mehrerlei Sorten weiß und rosa im Oktober vergangenen Jahres von Erfolg gekrönt sein werden. Klatschlauch und Knobmohn, mal was Neues. Was verbirgt sich im Boden? Wieviel Kraft hat der wilde Papaver dem kultivierten Allium geraubt? Oder hat er ihm gar geholfen, noch größer zu werden und deftigere Aromen zu entwickeln? Das wäre in der Tat eine Neuentdeckung; die Wechselwirkungen verschiedener Pflanzen sind bekannt. Knoblauch etwa hilft Erdbeeren, besser zu wachsen. Wer Erdbeeren kultiviert, sollte ab und zu eine Knolle in den Reihen der roten Süßen versenken, damit sie noch roter und süßer werden. Warum der Mohn so groß und vielzählig geworden ist, kann ich mir also gut vorstellen. Dass der Mohn etwas für den Knoblauch getan hat, eigentlich aber eher weniger…

Doch die Schönheit siegt. Es wäre unfassbar schade, dieses Ungestüme zu zerstören, das ich so liebe, und die Hummeln freuen sich so. Das Gesumme ist Musik, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, dass die Erd- und Stein- und Ackerhummeln, die ich dort jeden Morgen in die Kelche plumpsen sehe, im Drogenrausch sind. Neben Klatschmohn (Papaver rhoeas) hat sich auch Schlafmohn (Papaver somniferum) in die eiseneingefassten Rondelle geschmuggelt, teils in bizarren Modifikationen. Es ist ein Rausch, der an heißen Tagen vom Morgendämmern nur bis zum Mittag reicht. Dann fallen die seidenen Blätter hinunter auf das umgebende Gras, so als wenn die Pflanzen selber Blüten für eine Hochzeit streuen wollten. Aus den Petalen ergießt sich ein Gedicht der Leidenschaft, das von Zeit verbleicht und vom Wind verweht wird, um einem neuen Oeuvre Platz zu machen. Es sind poetische Momente, die unablässig aufeinanderfolgen und die davon erzählen, wie blau der Himmel, wie gelb die Sonne und wie rot der Mohn sein kann.

Wie groß und weit der Knoblauch ist, davon erzählen sie nicht. Das ist aber auch keine Frage der Poesie, sondern astreine Gartenpraxis, die dem Zauber des Genusses dennoch nicht im Weg steht, sondern Teil davon ist. So nähert sich also der Tag, an dem der Mohn gemeuchelt werden muss, um an den Knoblauch zu kommen. Aber lieber später als früher.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de



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