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Beetgeflüster

Ich pflanze, also bin ich

Ich pflanze, also bin ich. Ich habe ein ausgeprägtes Faible dafür, mit bloßen Händen in der Erde zu wühlen, und spüre die Kraft, die aus diesem Feld erwachsen kann, noch lange bevor der Frühling seinen ersten warmen Wind in unsere Seele haucht. Die beste Zeit zum Herumwühlen ist jetzt, da kein Frost den Boden durchdringt und Stauden, Gehölze, Kräuter, all die Hoffnung Versprühenden gesetzt werden können.

veröffentlicht am 17.10.2021 um 14:00 Uhr

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Ich kenne Gartenbesitzer, die es nicht lassen konnten, an heißen Juli- und Augusttagen in die ausgetrocknete Mutter Erde Löcher zu stemmen, bis ihre Murmel so rot angelaufen war wie die Johannisbeeren, die sie wenige Wochen zuvor geerntet hatten. Mit aller Macht versuchten sie, in der trockensten Zeit des Jahres die schönsten Blumen in Beete und Rabatten zu setzen. Im Oktober hingegen fegen dieselben Gutwettergehetzten nur noch Laub und zählen Äpfel.

Nun – jeder gärtnert so, wie er das für richtig hält. Ich halte es für richtig, wenn ich in den Sommermonaten ein Glas Rosé genieße und dem vorhandenen Grün mit Wasser und Dünger ein bisschen zur Seite stehe, mehr auf keinen Fall. Neue Anpflanzungen nehme ich nicht vor, lasse mich nur selten von den Verführungen leiten, die das Umherscharwenzeln in Gärtnereien und Gartencentern so mit sich bringt. Diese Zeit kommt erst viel später, wenn im September die Nebel steigen und der Oktober das Gartenfinale golden ausmalt.

Wenn ich mit klammen Fingern das Reich der Träume zu beackern gedenke, spüre ich den Sommer in mir; er ist fühlbar, nicht weit entfernt. Jedes Pflanzloch ein Versprechen auf die nächste warme Jahreszeit. Mit jedem Gewächs, das sich mir darbietet – und Gott weiß: es sind viele, die mich umgarnen –, pflanze ich mir meine Hoffnung, mein Vertrauen auf ein neues gutes Jahr schon lange vor Silvester.

Ich liebe die Hohe Fetthenne (Sedum telephium), also habe ich die Sorte ’Herbstfreude‘ erneut herbeigezaubert, obwohl sie an anderer Stelle schon blüht. Egal, kann man nicht genug von bekommen. Ich knie nieder vor dem Antlitz der prächtigen Sonnenaugen und habe neue Sorten gesetzt. Ich lasse mich verzaubern von der Kornblumenaster, die meine Blicke bislang überhaupt nicht gekreuzt hatte – umso wichtiger, sie jetzt in das große Staudenbeet zu integrieren und den botanischen Namen Stokesia in Erinnerung zu behalten.

Offen sein für Neues, niemals nur dem alten Trott folgen, darauf muss ich gar nicht achten, das kommt von ganz alleine, denn die Bandbreite, mit der wir es in der Flora zu tun haben, ist so erstaunlich groß, dass wir sie in zehn Leben nicht in Gänze erfassen könnten. Zumal: Es kommen immer neue Sorten hinzu. An der Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria) konnte ich neulich nicht vorübergehen. Gekauft. Gepflanzt. Blüht immer noch, und letzte Bienen landen mitten im Glück.

Ja, so ist das, ich kann nicht aufhören mit dem Pflanzen, bevor nicht der Frost beschlossen hat, mir unmissverständlich einen Riegel davorzuschieben. Es liegen noch Blumenzwiebeln bereit, es sind noch ein paar Lücken, die gefüllt werden sollen. Ich mache weiter, immer weiter. Denn ich pflanze, also bin ich.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de


Das „Beetgeflüster“ gibt es auch als Buch. „Beetgeflüster 1“ ist ausverkauft, aber „Beetgeflüster 2“ gibt es nach wie vor in den Geschäftsstellen von Dewezet & Pyrmonter Nachrichten.



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