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Garten Eden ist kein Ideal

WESERBERGLAND. Die Güte verschiedenster Pflanzen ist kein Wunschkonzert, weder ihre Blütenvielfalt noch ihr Ertrag, weder ihre Vitalität noch ihre Resistenzen gegenüber Krankheiten, weder ihr Anspruch an den Boden noch ihre Frosthärte. Könnten wir daran etwas ändern, indem wir an einem Schräubchen drehen, mit dem alle guten Eigenschaften gestützt und alle schlechten verbannt werden, bedeute dies nur Langeweile. Wir, die sich den Abertausenden Herausforderungen stellen, die uns Mutter Flora auferlegt, hätten nichts zu bedenken, nichts zu bemängeln, nichts zu korrigieren, nichts zu überplanen. Alles wäre nichts! Das innerliche Freudenfeuer würde ausbrennen; ein letzter Funke verglühte im stets Erreichten. Alles wüchse im Vakuum des Beliebigen.

veröffentlicht am 05.09.2021 um 11:00 Uhr

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Erst das Unperfekte macht unseren Garten zu einem vollkommenen Ort. Ich will kein Eden auf Erden, ich glaube, dass wir selbst dort, wo es so himmlisch sein soll, uns einlullen lassen von all dem Schönen, für das scheinbar nichts getan werden muss. Ist in der Bibel jemals die Rede davon gewesen, dass in Eden ein Gärtner düngt, wässert, Rasen mäht und zwischendrin mal eine raucht? So ein Garten, der von ganz alleine alle Ideale erfüllt, ist reizlos. Vielleicht war das ja auch der Grund für Adam und Eva, zusammen … ich schweife ab.

Worauf ich hinaus will, ist jedenfalls die Divergenz zwischen den Stauden, Blumen und Gehölzen, den Gemüsen und Wasserpflanzen, die uns erst zu Gärtnern werden lässt. Sie fördert und fordert uns, weil es Tausende Möglichkeiten gibt, auch nur einen einzigen Quadratmeter mit ungleichen Arten und Sorten zu bestücken. Da sind auch Sonne und Halbschatten, da ist die Trockenheit, die Feuchte, da sind auch andere Faktoren, an denen wir uns mit großer Sehnsucht entlanggärtnern.

Werden dabei manche Wünsche wahr, können wir stolz sein. Werden aber alle Wünsche wahr, die wir uns vorgenommen hatten, müssen wir von vorne anfangen. Eine Perfektion zu erreichen bedeutet aus meiner Sicht, ziemlich viele Fehler gemacht zu haben. Da stehen wir nun, suhlen uns in Eitelkeit und ertrinken in selbst angemischter Langeweile. Das um uns herum mag unheimlich schön aussehen, doch es fehlt an allem: an der nächsten Herausforderung.

Beispielhaft für diese tiefe Schlucht zwischen Wunsch und Wirklichkeit blüht sich der Mehlige Salbei (Salvia farinacea) in meine Träume. Es gibt die Sorte ’Mystic Spires‘, von der ich mir wünschte, sie möge winterhart sein, wovon sie leider meilenweit entfernt ist, in etwa so weit wie Deutschland von Mexiko, wo diese Salvia-Art (es gibt über 900!) ihre Heimat hat. Deutsche Winter geben ihr den Rest, wie sie Pelargonien den Rest geben. Die hole ich rein, die stehen in Töpfen. Dieser Sorte aber, die ins Deutsche übersetzt einen Namen trägt, der von mystischen Türmen spricht, ist eine Saisonalbepflanzung, die ich im Sommerstaudenbeet belasse bis zum letzten ihrer Tage.

Jedes Grad unter null ist schädlich. Ich hatte gelesen, dass der Mehlige Salbei mit Winterschutz und Glück bis zu fünf Jahre alt werden könnte. Das probiere ich aus. Und hoffe und bange. Und werde enttäuscht sein, wenn es nicht funktioniert. Und werde fröhlich sein, wenn diese an Ausstrahlung überreiche Blume im Frühling austreibt und ihre mystischen Blütentürme, die eine Melange aus Lila und Blau mit einem wie nebelfeucht aufgehauchten weißen Schimmer präsentieren, emporsteigen lässt, Zentimeter für Zentimeter. Und werde mir dann Gedanken machen, ob das wieder und wieder funktionieren kann mit diesem Dauerblüher und was ich dafür tun kann. Dass mein Wunsch, sie möge winterfest sein, nicht in Erfüllung geht, macht mich deshalb wunschlos glücklich.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de



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