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Beetgeflüster

Gärten des Grauens – eine Abrechnung

In Griechenland und der Türkei brennen die Wälder. Das haben sie in Teilen bei uns auch schon getan; diese Gefahr besteht. Die Flutkatastrophe aus dem Westen Deutschlands hat uns tief getroffen. „Berge spucken Lava aus in den silberklaren Mond. Aschenregen fällt auf uns, die Erde hat Milliarden Volt.

veröffentlicht am 15.08.2021 um 11:00 Uhr

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Und aus den Quellen schießt Glut so hoch bis zum Saturn“, heißt es in einem ergreifenden Rocksong („Eiszeit“), der in den Achtzigerjahren zur Hymne geworden war, und ich glaube, dass er die Dinge, die um uns herum gerade geschehen, anschaulich schildert.

Nie werden mich diese Zeilen kalt lassen; aber sich zu ängstigen, ist die eine Sache, etwas gegen die drohende Apokalypse zu tun die andere. Dieser große Bogen, den ich schlage und der pathetischer klingt, als er gemeint ist, beginnt nicht erst dort, wo wir auf das Auto verzichten und das Fahrrad nehmen oder die Heizung noch nicht einschalten, weil wir in der Übergangszeit von Sommer auf Herbst einfach mal eine Strickjacke überwerfen – sondern schon im Kleinen, im Mikrokosmos unserer Gärten liegt die Basis für bessere Zeiten.

Denn wenn das Universum vor vierzehn Milliarden Jahren in einen Stecknadelkopf passte, dann sollten wir begreifen, dass selbst die kleinsten Dinge eine gute, große Wirkung erzielen können. Ich glaube fest daran, dass jeder Schmetterling die Welt zu retten imstande ist. Das kann er aber nicht, wenn wir ihm die Pflanzen nehmen, die er braucht, um als Raupe und Falter zu überleben. Er wird sterben, aussterben, und wir mit ihm.

Von Zeit zu Zeit gehe ich die Straßen in den Vierteln der Stadt entlang, um über Zäune zu schauen. Was ich erblicke, sind immer mehr Gärten des Grauens. Bäume werden offenkundig nicht mehr gerne gepflanzt, jedenfalls keine, die groß werden. Ich habe mir mehr als einmal anhören müssen, dass sie zu viel Arbeit machten, weil im Herbst das Laub zu Boden fällt. Ja, in der Tat, es ist eine Marotte jener Jahreszeit … eine, die ich liebe, weil sie voller Anmut und Melancholie, voller Fröhlich- und Sinnlichkeit steckt.

Überall wird versiegelt. Ich sehe Grundstücke, auf denen der bebaute Bereich drei Viertel der Fläche einnimmt, manchmal mehr. Schauderhaft. Da ist mehr Gartenweg und Hof als Grünes. Ich frage mich, wie man sich dort wohlfühlen will? Ich könnte es nicht. Es ist trostlos und traurig, nur Mauern, Steine, Fugen. Kein Regen sickert dort ein; ist er stark genug, fließt er den Erbauern in den Keller.

Ich erblicke Vorgärten, in denen Buchs als Einfassung für Kiesflächen dient, aus denen ein paar strutzige Gräser sprießen. Hier und dort eine Rose, ein paar Geranien auf dem Treppenabsatz am Eingang – nichts für Bienen, nichts für Hummeln, nichts für Schmetterlinge, aber alles für die Katz‘.

Und ich höre Menschen, die ihr Wehklagen darüber zum Ausdruck bringen, dass es viel weniger Insekten gibt als früher. Es sind mitunter dieselben Ignoranten, die diese grausigen Gärten angelegt haben, Gärten, in denen nichts für die Umwelt getan wird, Gärten, in denen sich Buchs und Hase gute Nacht sagen, Gärten, die gar keine Gärten sind und wo gegen vermeintliche Wildkräuter lieber die chemische Brühe ausgesprüht wird, anstatt sich einfach mal auf die Knie zu begeben und händisch zu rupfen, womöglich rupfen zu lassen – oder den Wert vieler von Natur aus guter und sinnvoller Wildpflanzen zu erkennen versuchen.

Stattdessen: nichts als nerviges Geplärre aus ihren Mündern. Täuschungsmanöver, denn wer schon im Kleinen nicht bereit ist, etwas für die Natur zu tun, hat vermutlich auch gar nichts Großes vor, übersieht die Feuer in Griechenland, die Flutkatastrophen und ignoriert das weltweite Artensterben.

Das alles missfällt mir sehr. Wie wollen wir in Zukunft leben und welche Berechtigung hat unsere Kritik am Abholzen der Regenwälder im fernen Brasilien denn, wenn so viele nicht bereit sind, die Kehrtwende auch bei sich selbst zu ermöglichen? Wir werden gegenwärtig und in Zukunft damit leben müssen, Eigeninitiative für die Natur zu entwickeln, was letztlich bedeutet, Eigeninitiative für unser Gemeinwohl.

Und ich scheue nicht davor zurück, denjenigen, die in den Ämtern unserer Rathäuser und Verwaltungen sitzen, einen neuen Ansatz darzulegen: den Bauherren aufzuerlegen, einen Baum zu pflanzen! Kein Quasi-Gehölz in Schulterhöhe, sondern einen, der richtig groß wird, eine Krone bildet, Sauerstoff spendet und Millionen Kleinstlebewesen eine Heimat ist. Das wäre so viel sinnvoller, als Dachfarben und Zaunarten vorzuschreiben.

Denn bei aller Dramatik, die wir mit dem Klimawandel und den damit verbundenen Umweltkatastrophen erleben, sollte nach wie vor das Luther’sche Credo gelten, noch heute einen Apfelbaum zu pflanzen, auch wenn morgen die Welt unterginge. Denn es könnte jener Baum sein, der die Welt eben nicht untergehen lässt.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de



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