weather-image
33°

Fast perfekte Illusion

Wie entzückend es doch wäre, unter dem silbrigen Laub des Olivenbaumes an einem von Schatten und Schönheit gesegneten Platz im eigenen Garten Rosé trinkend provencalisches Savoir-vivre zu zelebrieren und den Grillen beim Zirpen zuzuhören.

veröffentlicht am 01.06.2019 um 11:41 Uhr

Sieht nicht aus wie Oliven, schmeckt aber ähnlich: das Olivenkraut Foto: ey
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Malheureusement sind die Sommer nördlich der Alpen nicht lang genug. Folglich gibt es zwar hier und dort ein Olivenbäumchen im Kübel, doch einen ausgewachsenen Baum mit kräftigem Stamm im Freiland gibt es nicht.

Man möge mir verzeihen, wenn ich das Herumgeschiebe des im Gefäß seiner Wurzelfreiheit beraubten Gehölzes zwischen sommerlichem Terrassenplatz und frostfreiem Winterlager nicht gutheißen will. Ist der Kübel nicht wirklich von großem Umfang und ausladender Tiefe, wird Olea nur leidlich wachsen. Wovon soll er sich dort ernähren? Kennt er den Regen, weiß er des Himmels köstliches Nass zu schätzen oder muss er wohl oder übel das für ihn viel zu kalkhaltige Leitungswasser schlucken, das ihm von Zeit zu Zeit im Übermaß verabreicht wird? Ein Graus.

Welche Aufgabe kommt einem Baum überhaupt zu, der aus Gründen nicht vorhandenen Platzes kein Baum werden darf? Das ist doch Quälerei. Dieses biblische Gewächs wird in seiner südlichen Heimat, sei es Griechenland, Frankreich oder Israel, Jahrhunderte alt, so etwas lässt man nicht unter Bedrängnis hungern. Wir Menschen reisen auch nicht in zu engen Schuhen.

Am Standortnachteil verdrießlich herumzugrübeln, ändert nichts an der Situation. In Gefilden, deren Vegetationsperiode zu kurz ist, um den Ölbaum auf Jahrhunderte Leben zu schenken, muss man sich anders zu helfen wissen. Das Problem dürfte nicht die Suche nach einem Ersatzbaum sein; von A wie Apfel bis Z wie (nein, nicht Zitronenbäumchen!) Zierquitte gibt es genug Alternativen. Schwieriger wird’s mit dem Ansinnen, einen Hauch von Olive zu kultivieren. Da muss man schon in die Trickkiste greifen und Santolina pflanzen. Zunächst einmal handelt es sich um das Heiligenkraut, dem zumindest im deutschen Namen damit ja auch eine Art biblischer Charakterzug innewohnt. Bekannt ist es als Immergrün mit silbergrauen, duftenden Blättern. Den Winter übersteht es ganz gut. Gegen allzu strenge Fröste hilft ein wärmender Mantel aus Blättern oder Fichtenzweigen.

Verschiedene Santolina-Arten sind bekannt, eine davon ist Santolina viridis – das Olivenkraut. Es macht seinem Namen alle Ehre, denn es schmeckt nach eingelegten Oliven und würzt Nudelgerichte, Pizzen und Blattsalate mediterran. Mehrjährig. Winterhart. Pflegeleicht an sonniger bis halbschattiger Stelle. Natürlich ersetzt das Kraut nicht den Baum, immerhin aber wahrt es den schönen Schein. Und das kann ein Anfang sein für weitere charmante Selbstbetrügereien dieses Kalibers.

Die nächste Stufe wäre dann die Austernpflanze (Mertensia maritima), die tatsächlich nach dem Meeresgetier schmeckt, aber nicht so glibbert. Ein paar Muschelschalen aus dem letzten Sommerurlaub drumherumgelegt – Illusion ist das halbe Leben.

Jens F. Meyer

j.meyer@dewezet.de



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?