weather-image
13°
×

Eine bunte Mischung

Eine Mahnung an die Aufgeräumten: Machen Sie es diesen Lebewesen doch einfach

Wenn wir bedenken, dass es Schmetterlinge gibt, deren Raupen nur eine einzige Wirtspflanze haben, um zu überleben und daraufhin ja erst zu einem wunderschönen Falter zu werden, dann gehen wir im eigenen Garten bisweilen ziemlich „laissez-faire“ mit dem Pflanzenpotenzial um.

veröffentlicht am 28.08.2021 um 11:00 Uhr

Autor:

Wer die Große Brennnessel (Uvaria dioica) komplett verschwinden lässt, nimmt dem Admiral seine Existenzgrundlage. Und es gibt manches mehr, das zu bedenken ist. Die Zukunft des Gartens gestalten bedeutet: Umdenken – als Dankeschön an all unsere Schmetterlinge und Insekten!

Im nahenden Herbst und diesen spätsommerlichen Stunden, die von der Melancholie zwischen noch Blühendem und Scheidendem liegt, können wir damit schon beginnen. Da wäre zum Beispiel das Fallobst: Der Admiral, aufgrund seiner dunklen Flügel mit der roten Binde eine unverwechselbar prachtvolle Erscheinung, labt sich nämlich gerne an Äpfeln und Birnen, nicht nur am Sommerflieder. Natürlich stellt sich das Problem dar, dass faulendes Obst auf der Rasenfläche nichts zu suchen hat. Andererseits sollte im Sinne des Ausgleichs eine „goldene Mitte“ gefunden werden. Legen wir doch ein paar faulende Früchte dorthin, wo sie nicht stören. Schmetterlinge fliegen drauf, nicht nur Admirale.

Überhaupt: Die Spezifizierung der Raupen, ihre monophage Lebens(mittel)weise, also von einer einzigen Pflanzenart abhängig zu sein, ist mehr als beeindruckend. Ihre deutschen Namen lassen überdies oft nicht vermuten, welche Geheimnisse noch hinter diesen fröhlichen Fliegern stecken. Der Thymian-Ameisenbläuling treibt‘s geradezu auf die Spitze. Er legt seine Eier in den Blüten des Thymians ab. Im Sommer lässt sich die Raupe von ihrer Wirtspflanze fallen und von Ameisen fortschleppen, in deren Nestern sie sich‘s gemütlich macht, um den Winter zu überleben. Sie labt sich an der Ameisenbrut, verpuppt sich und schlüpft zum Frühling hin im Ameisennest, um als Falter davonzufliegen. Fast schon kriminell.

5 Bilder
Schmetterlingseigenarten: Fallobst gehört nicht nur für den Kohlweißling zur Nahrung.

Der Rotklee-Bläuling wird nur dort sein, wo es Rotklee gibt. Die Raupe des Storchschnabel-Bläulings knabbert nur am Blut-, Sumpf- und Wiesen-Storchschnabel. Es ist höchst erstaunlich, wie sehr die Schöpfung diese Spezialisierung gefördert hat. Eine sehr individuelle Art der Entwicklung, die auch bei ausgewachsenen Schmetterlingen Bestand hat. Zwar fliegen viele unserer Tagfalter unzählige und sehr unterschiedliche Blüten an, gelockt vom Nektar (allen voran die Buddleja-Sommerflieder), aber es gibt Unterschiede.

Der Große Schillerfalter, ein eher seltener Gast in heimischen Gärten, mag Exkremente und Aas lieber als Blüten … Das Tagpfauenauge, sehr wohl sehr bekannt hierzulande, fliegt (fast) nur violette Blüten an; Experten haben beobachtet, dass sie über 90 Prozent seiner Nektarpflanzen ausmachen. Unter anderem handelt es sich um Blaukissen, Sommerflieder, Prachtscharte, Wasserdost und Rot-Klee. Und der Trauermantel – siehe Textbeginn – vermag die schönste Sonnenhutblüte für ein faulendes Äpfelchen links liegen zu lassen. Die Geschmäcker sind eben verschieden.

Was wichtig ist: Diesen fröhlich-bunten Gesellen, die nicht nur die Sommerlüfte schneiden, sondern auch schon teils im späten Winter unterwegs sind (zum Beispiel der Zitronenfalter) und auch als Falter auf Dachböden oder an anderen geschützten Stellen überwintern (zum Beispiel C-Falter und Großer Fuchs), eine Fülle verschiedener Pflanzen zur Verfügung zu stellen, deren Basis reine Natur ist.

Will heißen: Die Große Brennnessel nicht gänzlich aus dem Garten verbannen, das Wiesenschaumkraut unbedingt blühen und Grasarten wie Rotschwingel und Wiesen-Rispengras wachsen lassen, damit sich auch die Raupen des Kleinen Wiesenvögelchens sattfuttern können, die sich zu sehr, sehr hübschen Schmetterlingen verpuppen, die wir Menschen schließlich an Thymian, Sommerflieder und Heidekraut beobachten könn(t)en. Zu viel Aufgeräumtheit im Garten nützt jedenfalls keinem. Am wenigsten den Faltern. Und die Nachtfalter? Noch viel wichtiger! Aber das ist eine andere Geschichte.

Information

Guten Appetit

Raupen haben großen Hunger. Erst wenn sie genug zu futtern haben, werden sie sich zu Schmetterlingen verpuppen. Gemüsegärtner ärgern sich über die Raupen des Kohlweißlings. Alle anderen Tagfalter bevorzugen aber andere Pflanzen. Zu den wichtigsten zählen Brennnesseln (zum Beispiel für den Nachwuchs von Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral, Landkärtchen, Distelfalter und C-Falter), Faulbaum (Zitronenfalter), Wiesenschaumkraut (Aurorafalter), Dill (Schwalbenschwanz) oder Hornklee (Bläulinge) und viele Arten von Disteln (Distelfalter). Ohne Zweifel: Diese und weitere Wirtspflanzen für Raupen sind mindestens genauso wichtig wie die Nektarquellen für die ausgewachsenen Falter. sas



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige