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Von Paradies zu Paradies

Ein Rückblick auf den Tag des offenen Gartens

HAMELN-PYRMONT. Im August am Tag des offenen Gartens teilzunehmen, birgt Risiken. Weil vieles schon verblüht ist, Lücken in den Beeten entstanden sind und die Frühsommerfülle der leichten Müdigkeit des Spätsommers gewichen ist. Dennoch hatten erneut zwei Dutzend Gartenbesitzer ihre Pforten geöffnet; Hunderte Menschen sind ihrer Einladung gefolgt, hatten sich auf den Weg gemacht, um zu entdecken, zu genießen, ins Gespräch zu kommen. Eine kleine Gartenreise.

veröffentlicht am 21.08.2021 um 12:00 Uhr

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HAMELN-PYRMONT. Barbara Pfennig und Rainer Meine haben fast alles im Blick. In Flakenholz ist das so, dort wohnt man grundsätzlich weit oben und schaut bis zu den Grohnder Türmen rüber. Aber der Blick bleibt nicht ewig an der Weite hängen; zu schön ist der Garten der beiden, der alles in allem fast parkähnliche Ausmaße hat. „Eine Streuobstwiese gehört dazu, ein Hanggarten zur Sonne liegend, unterhalb der Terrasse. Dazu ein Teich mit Koikarpfen und viele Stauden rundherum.

Der Sonnenhut strahlt, die „Pinsel“ der Knöteriche tanzen im Wind, als ob sie den Himmel anmalen wollten. Hortensien blühen bretonisch-hellblau. Über 3000 Quadratmeter, die rund ums Haus den Garten in Zimmer unterteilen. „Klar macht das eine Menge Arbeit, aber es ist ja mehr Vergnügen als alles andere“, sagt Barbara Pfennig, die mit ihren Mosaikarbeiten diese bunte Vielfalt des grünen Wohnzimmers geradezu kaleidoskopisch erweitert.

Überhaupt: Vielfalt – darum geht’s beim Tag des offenen Gartens, der vom BUND im Landkreis Hameln-Pyrmont wenigstens für die Zeit des späten Sommerlichts organisiert werden konnte. Weil salopp betrachtet die Lust an Blumen ansteckender ist als ein Corona-Virus. Freilich hielten sich die Teilnehmer an die Auflagen, an den Abstand und all das, was selbstverständlich geworden ist. Ohne zu nörgeln. „Der Tag des offenen Gartens ist so bereichernd. Ich liebe das“, sagt Iris Engelke, deren 1400 Quadratmeter großes Zauber-Areal mit unterschiedlichsten Räumen auf Artenreichtum getrimmt ist.

5 Bilder
Dagmar Joeris‘ Garten befindet sich in einer Schrebergartenkolonie in Bad Pyrmont passenderweise am Blumenweg. Foto: ey

Beziehungsweise: eben nicht getrimmt, darin liegt ja der Reiz. Iris Engelke führt Regie, hat die ordnende Hand, lässt aber der Natur ihren Raum. Wilde Möhren dürfen blühen, bilden Inseln, auch auf der Grasfläche. Kräuter, Beeren, Obstbäume. „Und ich liebe meinen eigenen Wald“, schwärmt die erfahrene Gärtnerin, die jede Idee, die die Gäste an diesem Tag mitbringen, in sich aufsaugt. Der Wald, von dem sie spricht, ist ein Gehölzrand ihres Grundstücks, von dem aus die Landschaft und der Garten betrachtet werden können.

Dazu eine Schirmplatane, „die ich mit einem jährlichen Schnitt immer daran erinnern muss, dass sie auch wirklich eine Schirmplatane ist“, sagt die Bad Pyrmonterin, die ihren Garten mit zahllosen Gestaltungselementen gespickt hat und – ob Teich, Insektenhotel, Benjeshecke oder Feuerstelle – zu einem Erlebnisort werden lässt, der an jedem neuen Tag in neuem Licht erstrahlt. So sehr, dass man sich kaum davon lösen mag, aber der nächste Garten wartet schon …

… auch in Bad Pyrmont, wo er sich sinnigerweise am Blumenweg befindet. Dort, in einer Schrebergartenanlage am Vogelreichsweg mit wahnsinnig weitem Blick Richtung Lügde und die andere Seite der Kurstadt, setzt Dagmar Joeris auf eine große Bandbreite unterschiedlichster Pflanzen, die sich von „Samsø“-Kartoffeln und Etagenzwiebeln über Seifen- und Schlangenblume bis hin zu Englischen Rosen und Kamelien erstreckt. „In diesem Jahr haben die Schnecken leider sehr viel Appetit“, lacht die fröhliche Gärtnerin, die am Tag des offenen Gartens in geradezu englisch anmutendem Outfit die Gäste empfängt, fein gemacht für den besonderen Gartentag, so, wie es sich gehört.

Und keine Pflanze, zu der sie keine Geschichte erzählen könnte, kein Gespräch, in dem sie nicht irgendeinen guten Tipp hätte. Da ist zum Beispiel auch die Gartenkresse, eine alte, sehr alte Würzpflanze, die schon im „New Kräuterbuch“ des Botanikers Leonhart Fuchs im 16. Jahrhundert Beachtung fand, dann irgendwie in der Versenkung verschwunden war und im Laufe der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte wieder zurück ins Bewusstsein vieler Gartenbesitzer wuchs. Auch bei Dagmar Joeris am Blumenweg, wo ihr Garten die womöglich größte botanische Fülle in der gesamten Schrebergartenanlage bietet. Und so gut wie nichts Gelbes: „Kommt mir nicht in meinen Garten“, sagt sie, die lieber Rosa mag oder Blau oder Rot.

Und den Zufall, den mag sie auch: Im Hochbeetbereich hat sich ein Zierkürbis seinen Platz gesucht, ganz von selbst, „und nun lasse ich ihn wachsen – ach, nehmt doch ein paar mit“. Unter Gärtnern Früchte geben, Stauden teilen, Saatgut tauschen – auch das ist typisch für diese Begegnungen unter Beetflüsterern und Blumenkindern.

Und noch typischer: dass man am Ende dieses Tages die vielen überraschenden Eindrücke und Begegnungen erst einmal sortieren muss. Weil so vieles Unerwartbare darunter gewesen ist. Die Kaiserstraße in Hameln, vielbefahrene Trasse Richtung Bahnhof und zuhauf von zugepflasterten, vollkommen trostlosen Vorgärten gequält, aus denen baumlose Parkplätze wurden, hat jedenfalls zumindest doch noch mindestens einen facetten- und artenreichen Traumgarten zu bieten: den von Marika und Dr. Christian Weise. Mitten in der Innenstadt ein Bouquet aus köstlichen Gemüsepflanzen, Kräutern, vielen unterschiedlichen Rosen, Spalierobst, einem Teich und vielem, vielem mehr. Marika Weise lässt mit ihrer Art des Gärtnerns die Grenzen zwischen Zierde und Nutzen fließend fallen. Ein Beispiel, dem man mal selbst folgen kann.



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