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Die verlässlichste Staude von allen

Die verlässlichste Staude, die ich kenne, wächst aus den Fugen des Schaumburger Gerumpelten ein paar Dezimeter von der Garagentüre entfernt. Es handelt sich um keine besondere Züchtung, die hätte ich dort ja wohl auch nicht gepflanzt. Diese Blume stammt auch nicht aus edlem Hause, es ist einfach nur ein Löwenzahn.

veröffentlicht am 04.05.2019 um 16:00 Uhr

Blüht wie wild seit Jahren am Garagentor: Löwenzahn. Foto: ey
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite
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Was mir an dem kräftigen Burschen so imponiert, ist seine Impertinenz. Ich nahm einen Fugenkratzer und machte ihm oberirdisch den Garaus, mehr als nur einmal, aber Löwenzahn hat durch seine Pfahlwurzeln eine sehr starke Bindung zu Mutter Erde, selbst wenn die Erde keine ist. Unter den Pflastersteinen befindet sich vor allem Sand und Kies; guter Boden mit Nährstoffen und Feuchte kommt erst in tieferen Schichten. Es ist also eine sehr verlässliche Basis, um Kraut nach einem Regenschauer relativ mühelos zupfen zu können. Dem sonnengelben Blütenboy ist damit aber nicht beizukommen.


Er denkt nicht daran, sich
wie ’n Huhn rupfen zu lassen

Taraxacum, so sein botanischer Gattungsname, denkt nicht daran, sich rupfen zu lassen, als wäre er ein totes Huhn. Er steht sturmfest und erdverwachsen dort, wo das Auto jeden Tag heraus- und wieder hineingefahren wird. Manchmal erfassen die Reifen sein gezähntes Grün und machen es unmöglich, daraus dann noch einen Salat kreieren zu können; es ist dann eher Suppe. Aber er steht wieder auf, braucht ein paar Tage, schießt neue Blätter hervor.

Der Same, der vor vielen Jahren von einer unbekannten Pusteblume herübergeflogen kam, hätte sich im schönen Garten einen besseren Platz aussuchen können. Was ich dieser Pflanze aber jahrelang als persönliches Pech zugeschrieben habe, ist ganz im Gegenteil ihr großes Glück: Auf dem Rasen, den ich schon auch mal intensiver mit dem Unkrautstecher bearbeite, komme ich besser ans tief sitzende Übel heran und vermelde Erfolge im Kampf gegen Taradingsda. Aber die Irrungen der Natur, die menschgemacht zu sein scheinen, weil der Tod über Bienenvölker nicht aus heiterem Himmel auf sie niedergeht, verleitet mich mehr und mehr dazu, den Korbblütler nicht so verbissen zu bekämpfen wie früher.

Vor der Garage hätte ich mich gerne ihm entledigt, aber je länger er durchhält, desto kleiner wird das Verlangen, ihn umzubringen. Was er schon ertragen musste, haben andere Pflanzen nicht mitmachen müssen. Ich denke da vor allem an Wintertage, bei dem nichts anderes als Salz half, um mit dem Fahrzeug aus der Garage fahren zu können. Es müssen osmotische Notsituationen gewesen sein, die er durchstanden hat. Schadlos. Und da war auch so ein Zeugs, dass ich auf die Steine gesprüht habe, um die Flechten, die sich doch sehr ausgebreitet hatten, so sehr, dass es nach einem Regenschauer gefährlich rutschig wurde, einzudämmen. Es hat funktioniert. Dem Löwenzahn schadete es nicht. Und wenn ich es recht bedenke, habe ich durch meinen mehrmals im Jahr durchgeführten Versuch, ihn dort endgültig wegzunehmen, vermutlich dazu beigetragen, dass er hübsch kräftig neu durchtreiben konnte.

Denn ich habe die Pfahlwurzel nicht ganz erwischt, habe nur ein kleines Stück davon herausziehen können – und damit nichts weniger als eine Staude geteilt oder verjüngt oder zumindest etwas Ähnliches getan.

Vor der Garage wendet er wahnsinnig effektive Überlebenskünste an. Er hat gerade erst ganz wundervoll geblüht. Der Fugenkratzer liegt im Schuppen, dort soll er bleiben. Mit dem Löwenzahn habe ich zwar keinen Frieden geschlossen, aber zumindest einen Kompromiss. Er darf blühen, aber sich nicht vermehren. Bevor also aus dem wuscheligen Flor eine puschelige Pusteblume wird, schneide ich die verblühten Köpfe ab, rupfe auch mal etwas robuster an der Pflanze herum und muss überhaupt kein schlechtes Gewissen haben. Der kann das ab.

Und deshalb ist der Löwenzahn vor der Garage die mit Abstand verlässlichste Staude in meinem Garten.



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