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Der Krokettenbaum

Als ich vor einiger Zeit in einem Comicband las, stieß ich auf die unglaubliche Geschichte von Franz Gans, der bei Oma Dorette Duck im Bauernhaus auf dem Lande wohnt und – just, da er in den Apfelbaumkronen Früchte pflückte – von Professor Ludwig Leckerschmeck Besuch erhielt.

veröffentlicht am 21.03.2019 um 10:00 Uhr
aktualisiert am 21.03.2019 um 18:10 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Leckerschmeck bat den mit einem Sinn für lukullische Freuden gesegneten Gänserich um dessen Hilfe bei der Suche nach dem bislang unentdeckten Krokettenstrauch. Die Genießergans ließ sich nicht zweimal bitten und flog mit dem Prof zur Raubeinranch des Viehzüchters Rufus Raubein in einer kargen Landschaft weit entfernt von Entenhausen, die sich Frittonien nennt.

Rufus erzählte ihnen von seinem Malheur, während eines Ausflugs mit dem Jeep ins Outback zwar auf den Kopf gefallen zu sein und das Bewusstsein kurzzeitig verloren zu haben, aber er war sich dennoch sicher, den Krokettenbusch gesehen und die goldbraune Kartoffelspeise auch exakt mit dem Gummel vernommen zu haben.

Jetzt wünsche ich mir einen Krokettenstrauch. Es darf auch ein Baum sein, ich steige dafür gerne trotz Höhenangst auf die Leiter. Ich erinnere mich an ein Krokettenwettessen meiner beiden Brüder, die sich die letzte auf dem Teller, die Siebenundvierzigste, schließlich teilten. Das Match ging also unentschieden aus. Ich durfte nicht mitmampfen, ich war noch zu klein und hatte keine Rechte, es ist viele Jahre her. Vielleicht ist deshalb mein Sehnen nach einem Krokettenstrauch so groß. Ich liebe Kroketten.


Sonnig gepflanzt werden die Dinger schön kross

Ich würde das Gehölz sonnig pflanzen, ich mag die Dinger knusprig. Mir ist natürlich klar, dass ich stattdessen auch Kartoffeln pflanzen könnte, aber der Aufwand ist mir zu hoch. Denn jedes Pflanzen zieht eine Ernte nach sich, und die muss noch verwertet werden! Wer Kroketten aus Kartoffeln zaubert, braucht mehlig kochende Sorten. Die werden zunächst geschält, blubbern dann im heißen Wasser, und wenn sie gar sind, müssen sie liegengelassen werden, bis kein Dampf mehr aufsteigt. Sie dürfen nicht heiß, sondern nur warm durch die Presse gedrückt werden. Der Stampf wird mit Eigelb, Muskatnuss und Salz zu einer gleichmäßigen Masse vermengt. Zwischen den Händen lassen sich die Kroketten gut formen, aber fertig sind sie dann noch nicht, denn jetzt folgt das Panieren und Frittieren. Um diesem Aufwand zu entgehen, wünsche ich mir einen Krokettenbaum. Pflücken, erhitzen, fertig.

Ich krokettiere nun mit dem Gedanken, für Pflanzenzüchter und Veredler hoher Schule schon mal logisch nachvollziehbare botanische Namen in den Ring zu werfen. Krokettus albiflorus, falls dieser Strauch weiß blüht. Krokettus baccatus, wenn die krossen Kartoffelstumpen als Beeren gehandelt werden. Krokettia fimbriatus stünde für gefranst, sagen die Experten des Forstbotanischen Gartens der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, womit die Leistung des Entdeckers Franz Gans gewürdigt würde. Sollten die Kroketten besonders groß werden, trüge mein Wunschbusch den Titel Krokettensis macrocarpus, weil macrocarpus für groß steht. Es gibt jedenfalls zig Möglichkeiten, der Wissenschaft mit Namensgebungen schon mal eine Arbeit abzunehmen, den Rest müssen die Forscher selber erledigen.

Einen Kartoffelstrauch gibt es schon, der wächst sogar in Balkonkästen. Nichts spricht dagegen, das züchterische Augenmerk jetzt auf den Krokettenbusch zu legen, wenn nicht irgendwo dort draußen in einer der unzähligen Landschaften auf diesem Planeten eine Wildform herumsteht, wie sie Franz Gans und Ludwig Leckerschmeck entdeckt haben. Wir schaffen es ja auch, zum Mond zu fliegen und Sonden zum Mars zu schicken. Einen Krokettenstrauch zu züchten, scheint im Vergleich doch ein Klacks zu sein, vielleicht ja sogar mit dem Kartoffelstrauch als Unterlage.

Man muss Visionen haben; für mich ist Leckerschmecks Reise mit Franz Gans zu den wilden Krokettenbüschen erst der Anfang einer langen Reihe großartiger Küchenpflanzen. Kräuter haben wir genug, ich brauche keine 33 Sorten Salbei, ich will was essen! Und hoffe dann bald auch auf die Pommesstaude; den botanischen Namen Frittilaria gibt’s ja tatsächlich schon. Ein Halbes-Hähnchen-Gewächs wäre auch toll, immer sonnig gepflanzt, damit die Haut schön knusprig wird.

Das ist „simplicissimus“ in Reinkultur – na und?


Es wird Menschen geben, die meine Ausführungen zu diesem Thema zu einfach finden. Botanisch würde das unter „simplex“ fallen, womöglich auch „simplicissimus“. Dieser Begriff steht für „sehr einfach“. Aber mein Wunsch nach dem Krokettenbaum wird dadurch nicht kleiner. Als Gärtner und Beetflüsterer muss man auch nicht immer der Vernunft folgen, nur um anderen zu gefallen. Denn wenn ich den Krokettenbaum erst gefunden oder ihn selber gezüchtet habe, sind die Kritiker doch die ersten, die mit Teller, Messer und Gabel um die Ecke wackeln und etwas abhaben wollen. Nein, nein, die sollen mal schön zur Pommesbude gehen. Die Kroketten teile ich lieber mit anderen.

Nur nicht mit meinen Brüdern. Sonst kriege ich wieder nichts ab.



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