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Rente? Manche arbeiten weiter – und die Wirtschaft braucht sie

Erstmal zählt nur heute – morgen ist noch weit…

Mit 66 Jahren noch „die Feuerwehr“ in einer Druckerei. Mit 73 Jahren noch Chef im eigenen Käsespezialitätengeschäft. Mit 86 Jahren noch hinter dem Verkaufstresen einer Bäckerei. – Redakteur Jens Meyer hat drei Rentner gesucht und drei Stützen der heimischen Wirtschaft gefunden. Denn vom Ruhestand sind Marie Susdorf, Herbert Küther und Rainer Eifler noch weit entfernt. Eine Geschichte, die Mut macht.

veröffentlicht am 08.05.2009 um 06:32 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Herbert Küther ist ein freundlicher Mann. „Herzlich willkommen in meiner Käse-Gondel“, sagt er, wenn die Kunden sein Geschäft an der Baustraße in Hameln betreten. Das ist die alte Schule, die Küther noch aus den Nachkriegsjahren kennt. Damals absolvierte er eine Ausbildung als Molkereimeister. In dieser Zeit des aufblühenden Deutschlands, des Wirtschaftswunders und des Zusammenrückens war Höflichkeit eine Tugend. Für Herbert Küther hat sich das bis heute nicht geändert. Wenn er herzlich willkommen sagt, dann ist das keine Floskel. Und so steht der 73-Jährige, in sich selbst ruhend und immer gut gelaunt, hinter seiner Verkaufstheke mit dem aus Milch gemachten Spezialitäten-Sortiment. Über die Rente hat er sich nie ernsthaft Gedanken gemacht.

„Ich wollte schon immer verkaufen“

Es macht mir Spaß. Ich wollte schon immer verkaufen, und ich möchte das tun, solange ich es kann“, sagt Herbert Küther. Den Hamelnern ist es zu wünschen. Die KäseGondel gehört zum Stadtbild wie Münster und Marktkirche. Jeden Morgen um kurz vor neun Uhr dreht der Käsemann den Schlüssel im Schloss der Eingangstür, „klack“ macht’s, los geht’s. Ein neuer Tag, auf den sich der Händler freut. „Freude ist das A und O. Ohne geht nicht“, sagt er. Muss so sein. Schließlich fährt Herbert Küther, der schon unzählige Menschen auf den Geschmack von Chavignol, Camembert und Brie de Meaux gebracht hat, mit seinem grauen VW Golf zweimal pro Woche von zu Hause in Steinhude erst nach Hannover zum Großhändler, bevor es retour Richtung Hameln geht. An solchen Tagen klingelt ihn der Wecker um fünf Uhr morgens aus dem Bett. Gott ja, das macht man nicht, wenn man keine Freude daran hätte.

Die Lebensfreude tut anscheinend gut

F r e u d e – ein Wort, dessen Magie größer und dessen Kraft stärker zu sein scheint als die kleinen Zipperlein, die man eben so hat im Alter. Oder besser: L e b e n s f r e u d e – kann sie ein Jungbrunnen sein, wirkt sie gesundheitsfördernd?! Kein Schulmediziner würde das ohne Wenn und Aber bestätigen, keiner dieser Experten hat bislang aber ebenso wenig den Beweis dafür angetreten, dass die Freude keine Rolle spielt.

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Irgendetwas muss es damit also auf sich haben. Auch bei Marie Susdorf ist das so. Ohne Gedanken an die Zukunft ist sie natürlich nicht, aber erstmal ist nur das Heute entscheidend. „Ich will, dass jeder Kunde zufrieden ist“, sagt die zierliche Dame. Sie ist 86 – glaubt man nicht, ist aber so. Vor zwei Jahren hat ihre Bäckerei am Breiten Weg im Klütviertel 50-jähriges Jubiläum gefeiert.

Ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte war das, und nicht nur die Susdorfs hoffen, dass noch weitere Meilensteine gesetzt werden. „Ohne Frau Susdorf hier in der Siedlung? Das kann ich mir hier gar nicht vorstellen“, sagt Anja Korn, die Teehändlerin von schräg gegenüber. So fit wie Frau Susdorf möchte Frau Korn in hohem Alter auch noch sein und dann ihr Fachgeschäft Teeball führen. Ein besseres Vorbild kann es kaum geben.

„Ich will einfach nicht einrosten“

Marie Susdorf selbst sieht’s eher praktisch: „Ich will nicht einrosten, und es ist doch schön, eine sinnvolle Aufgabe zu haben“, sagt sie. Bei ihr sitzt jeder Handgriff, jeder Blick zum Kunden ist schon die Antwort auf nicht gestellte Fragen. Das Brot, dass sie verkauft, die Brötchen, die sie in Tüten verpackt und über den Tresen reicht, der Apfelkuchen, den sie ihren Kunden anpreist – das alles ist genau so frisch wie ihr Geist. Selbst wenn fünf, sechs, sieben Kunden im Laden stehen, verliert Marie Susdorf nicht den Überblick und schon gar nicht die Nerven. Kein Kunde sei, so sagt sie, unfreundlich. „Mancher ist mal etwas schlechter gelaunt, aber im Großen und Ganzen kann ich mich nicht beklagen.“ Und obwohl die Zeiten anonymer geworden sind, kennt sie viele mit Namen. Ein Erfahrungswert, den sie jeder jungen Bäckereifachverkäuferin mit auf den Weg geben kann: Sei freundlich zu den Kunden, dann sind die Kunden freundlich zu dir.

Ein Eckpfeiler der heimischen Wirtschaft

Überhaupt: Erfahrung! Sie ist ein Eckpfeiler der heimischen Wirtschaft. Heidrun Welk, Geschäftsführerin der Albert Matzow GmbH (Druckerei), kennt die Situation, „wenn’s mal wieder brennt“. Rainer Eifler hilft ihr dann aus der Patsche. Gerade ist er für die 50-jährige Betriebszugehörigkeit von seiner Chefin mit Urkunde und Präsentkorb ausgezeichnet worden. Seine Erfahrung sei Gold wert. „Das ist meine Feuerwehr, auf den kann ich nicht verzichten“, sagt Heidrun Welk. Eifler sei jetzt 66 Jahre alt und könne voll und ganz in Rente gehen – er tut es aber nicht, weil seine Chefin ihn gebeten hat, noch zu bleiben. „Ich kenne die Firma aus dem Effeff, habe in fünf Jahrzehnten eine immense technische Entwicklung im Druckereibetrieb erfahren dürfen“, sagt er dankbar. Was wichtig gewesen sei, „ist die Bereitschaft, sich auf technischer Basis weiter entwickeln zu wollen und nichts rundheraus abzulehnen, nur weil es neu ist“.

Interesse heißt das Zauberwort. „Interesse hält jung. Bei mir ist das so. Ich bin jetzt noch aufgeregt, wenn der Wecker klingelt und ich zur Arbeit muss – nein: darf!“, korrigiert sich Eifler noch im selben Augenblick. Der gelernte Drucker/Buchdrucker ist sicher, dass die grauen Zellen was zu tun haben wollen, dass es quasi blitzen und zischen muss auf den Synapsen. Und: „Man sollte mit jungen Menschen auf einer Wellenlänge sein, sie nicht von oben herab ausbilden, wie das bei uns früher gewesen ist, sondern sie fordern und fördern – das fordert und fördert einen auch selbst.“

Die Jugend als Jungbrunnen? Da ist was Wahres dran. Bei Herbert Küther ist es vermutlich auch der Käse, der bekanntlich schon mal etwas reifer sein darf. Das hat das Produkt mit seinem Verkäufer gemein. „Käse enthält viel Kalzium. Das ist gut für den Körper“, ist er von dessen Wirkung überzeugt. Die Milch macht’s. Zudem verzichtet der 73-Jährige weitgehend auf Alkohol, bewegt sich, fährt Ski. Eine Garantie für ein langes Leben ist das nicht. Aber: „Bislang hat’s funktioniert“, sagt der Käsemann von der Baustraße, der seine Käse-Gondel im Jahre 1978 eröffnete.

Keine Zeit, um über die Zeit nachzudenken

Man wünschte ihm, er würde es noch mit 100 Jahren sagen und dann ein Jubiläumsfest in seiner „Gondel“ feiern. Dumm, dass er das 25- und das 30-jährige Geschäftsjubiläum schon verpasst hat. „Nicht dran gedacht. Ist nicht schlimm.“

Man könnte auch sagen: Keine Zeit, um über die Zeit nachzudenken. Beneidenswert ist das.

Über die Zeit denkt auch Marie Susdorf im täglichen Berufsalltag nicht nach. Erstmal heute die Kunden zufriedenstellen, morgen ist noch weit. Und immer Interesse an anderen Dingen haben, das ist wichtig. „Ach, Sie fahren nach Frankreich in den Urlaub? Das ist ja schön. Die essen doch vor allem Baguette, nicht wahr? Ich freue mich für Sie. Bretagne? Da möchte ich auch mal hin…“, sagt Marie Susdorf, während sie das Brot einpackt und nett herüberlächelt. „Ich habe ja auch gelesen, dass Sie beim Tina-Turner-Konzert waren. Das muss man sich mal vorstellen, die ist doch schon bald 70. Toll, wie die das noch so hinkriegt.“ – Auch das entgeht Frau Susdorf nicht, ja, auch Tina Turner – man mag’s kaum glauben – wäre normalerweise schon Rentnerin. Aber was ist schon die Rente gegen sinnvolle Arbeit und (Be)achtung.

Die Frage ist doch: Kann die Wirtschaft auf die große Erfahrung und das schier unbezahlbare Know-how der „Alten“ überhaupt verzichten? Das Rockmusik-Business kann es nicht, was Tina Turner anbelangt; alle Konzerte waren restlos ausverkauft. Warum soll das mit den Küthers, Susdorfs und Eiflers also anders sein?

„Rente? Nee Rainer, das tust Du mir jetzt nicht an!“

Wissen Sie, als der Rainer zu mir sagte, dass er ja bald in Rente gehen würde, da habe ich ihm geantwortet: Nee, Rainer, das tust Du mir jetzt aber nicht an. Ich bin froh, dass ich ihn habe – und alle Mitarbeiter sind genau so froh“, sagt Matzow-Chefin Heidrun Welk. Sein Fingerspitzengefühl im Umgang mit Kunden, sein technisches Verständnis für die Maschinen, sein „Auge“ für die Produktionsabläufe – „darauf kann ich nicht verzichten, das bringt uns voran, gerade jetzt in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten“, sagt Heidrun Welk, die überzeugt ist, dass Erfahrung ein großes Kapital für jedes Unternehmen ist.

„Das wird schon wieder werden“

Schwierige Zeiten. Für Herbert Küther kein Grund zur Panik. Schwierige Zeiten hat er öfter mal erlebt. „Das wird schon wieder werden… – So, hier ist Ihr Chavignol. Machen Sie eine schöne Flasche Wein dazu auf und genießen Sie den Tag. Bis bald, bis bald.“ Es sind Momente wie diese, die den Dialog zwischen den Generationen so kostbar machen. Und es ist der Mut der „Alten“, Dinge zu tun, die sie nicht alt erscheinen lassen und die jeden Tag pflücken wie eine Blume.

Es gibt nicht Besseres als Beschäftigung

Solange die Gesundheit mitspielt, gibt’s nichts Besseres als Beschäftigung, weiß Herbert Küther, der seine Tätigkeit in seinem kleinen Geschäft an der Baustraße sehr zu schätzen weiß: „Für mich ist jeder Tag wie ein Sonntag!“

Wer das von sich behaupten kann, hat es weit gebracht.



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