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Oftmals eine schwierige Entscheidung

Allein daheim – oder lieber ins Heim?

Ein Interview zum Thema „Pflege“ mit Heike Bohnes, staatlich anerkannte Altenpflegerin, Diplom-Sozialarbeiterin und geprüfte und unabhängige Sachverständige für Pflege.

veröffentlicht am 18.08.2011 um 06:30 Uhr

Pflege zu Hause: In einer intakten Familie spricht vieles dafür.

Welche Entlastungsangebote gibt es für pflegende Angehörige, wenn der Betroffene eine Pflegestufe hat?

Heike Bohnes: „Man kann sich bei der Pflege von einem Pflegedienst unterstützen lassen oder eine Tagespflege in Anspruch nehmen. Wenn die Pflegeperson Urlaub macht oder wegen Terminen an der Pflege gehindert ist, kann der Pflegebedürftige beim Pflegedienst oder bei der Tagespflege die Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen.“

Wo findet man qualifizierte Vollzeitkräfte, die einen Pflegebedürftigen rund um die Uhr betreuen?

„Seit dem 1. Mai gilt die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit. Damit hat sich die Rechtslage bei der Beschäftigung von Pflegekräften aus Osteuropa geändert. Pflegekräfte aus Osteuropa können jetzt mit den Pflegebedürftigen direkt Arbeitsverträge abschließen. Durch diesen Arbeitsvertrag entsteht dann ein reguläres Arbeitsverhältnis mit Lohnsteuer- und Sozialversicherungspflicht.“

Was ist rechtlich zu beachten, wenn man für die Vollzeitpflege eine osteuropäische Pflegekraft einstellen will?

„Die Pflegekraft muss – wenn sie nicht über die Entsenderegelung in Deutschland arbeitet – in Deutschland Lohnsteuer und Sozialabgaben zahlen.“

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen rund um die Uhr gepflegt. Wer übernimmt die Kosten für externe Pfleger, wenn die Angehörigen selbst krank werden oder in Urlaub fahren wollen?

„Urlaub und vorübergehende Krankheit der Pflegeperson kann mit Verhinderungs- und Kurzzeitpflege überbrückt werden. Reicht das Einkommen und Vermögen nicht aus, um die Pflegekosten abzudecken, kann Anspruch auf ,Hilfe zur Pflege‘ nach dem Sozialhilfegesetz bestehen.“

Was hat es mit der Kurzzeitpflege auf sich und wann kann und sollte man sie in Anspruch nehmen?

„Die Kurzzeitpflege kann nur stationär, also im Rahmen eines Pflegeheimaufenthaltes, in Anspruch genommen werden. Sie ist geeignet, wenn beispielsweise umfangreiche Renovierungsmaßnahmen in der Wohnung erforderlich sind und der Pflegebedürftige nicht in seiner Wohnung gepflegt werden kann. Sie ist aber auch eine sichere Möglichkeit, seinen Angehörigen während eines Urlaubs umfassend versorgt zu wissen.“

Vielen pflegenden Angehörigen fällt es sehr schwer, selbst Hilfe anzunehmen. Oft pflegen sie bis zur totalen physischen und psychischen Erschöpfung und sind zerrissen zwischen Überlastung und Schuldgefühlen. Was raten Sie den Betroffenen?

„Pflegende Angehörige sollten frühzeitig entlastende Maßnahmen wie etwa die Inanspruchnahme von Pflege- und Betreuungsdiensten oder eine Tagespflege einplanen. Im Grunde ist nämlich niemand in der Lage, die Pflege eines Angehörigen auf Dauer ohne Unterstützung allein zu bewältigen.“

Was hat es mit dem gesetzlichen Anspruch auf kostenlose Pflegeberatung auf sich und wer führt diese Beratung durch?

„Die Beratung in Pflegestützpunkten soll Angehörigen und Pflegebedürftigen dabei helfen, ihre Rechte zu kennen und zu wahren und die Pflege entsprechend organisieren zu können. Die Pflegeberatung sollte unabhängig erfolgen.“

Wie lange dauert es vom Antrag auf eine Einstufung in eine Pflegestufe bis zur Bewilligung?

„Vom Antrag bis zum Bescheid sollte es nicht länger als fünfWochen dauern.“

Die Pflege von Angehörigen stellt für die Familie oft eine Zerreißprobe dar. Was raten Sie Eltern und Kindern, wie sie mit der Situation am besten umgehen sollen?

„Angehörige sollten sich absprechen, wer welche Aufgaben übernehmen möchte, beziehungsweise dies auch kann. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Familienmitglieder, die keine Hilfeleistungen übernehmen können, sich finanziell an Entlastungsangeboten beteiligen. Wichtig ist, dass man am Anfang klare Absprachen trifft, an die sich dann jeder hält.“

Sind der Pflegebedürftige und seine Angehörigen bei der Wahl des ambulanten Pflegedienstes oder eines Heims völlig frei oder darf die Pflegekasse dabei mit entscheiden?

„Der Pflegebedürftige und seine Angehörigen sind in der Auswahl völlig frei. Allerdings sollten sie darauf achten, dass die Einrichtung einen Versorgungsvertrag mit der Pflegekasse hat. Ansonsten muss die Pflegekasse trotz Heimpflege nur das Pflegegeld auszahlen.“ djd



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