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Wie der Alltag zur Bühne wird

Wir High-Performer

Ein bisschen Radiogeplapper zum Sonntagmorgenkaffee im Bett - wie gemütlich. Ich schaltete in ein laufendes Interview. Irgendwer hatte offenbar genügend Erfolg und Prominenz angehäuft, um mal grundsätzlicher plaudern zu dürfen.

veröffentlicht am 12.06.2021 um 09:00 Uhr
aktualisiert am 04.08.2021 um 15:36 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Über sich, über das Leben und dann aber doch wieder über sich. So sprach er dann irgendwann rückblickend aus: „Ich weiß auch nicht, warum ich damals in der Schule so schlecht performt habe.“ „Er hat was?“, brummte ich verwundert in meine Kaffeetasse.

Ja, ja, ich weiß schon: „Performen“, so sagt man jetzt, wenn man jemand ist, der die ganz großen Räder drehen will. Ich meine jemanden, der so richtig enabled ist, die Sache zu challengen, mit all hands on deck. Ja, „performen“ – das kann man im Business-Sprech sagen. Statt „Leistung“ oder „Ergebnis“. Frage ist nur: Warum sollte ich?

In meiner Schulzeit habe ich eigentlich gar nicht performt. Keine Theatergruppe, kein Chor, für die Schulband fehlte mir die musikalische Ausbildung. „Ja, ihr armen Westfalenkinder, ihr hattet ja nichts“, neckt meine Frau und performt dazu mal wieder etwas, das schweren Ruhrgebiets-Pseudokrupphusten darstellen soll. Denn „Performance“, das hat für unsere Generation noch mit Aufführen und Darstellen zu tun. Beuys erklärt einem toten Hasen Kunstwerke – so was.

Doch nun will jeder performen, ganztags, 24/7. Egal, ob es nun um ein paar schnöde Verkäufe von irgendwas geht oder um die heruntergeleierte Präsentation im Konferenzraum. „Stark performt!“, freuen wir uns und schon klingt es ein bisschen so, als hätten wir eben, kopfüber aus einem Helikopter hängend, drei zauberhafte Assistenten und/oder Assistentinnen mit der Kettensäge tranchiert und in korrekter Anordnung – Abrakadabra! – wieder zusammengesetzt. Was für eine Performance!

Aber jede Zeit hat die Quatschwörter, die sie verdient.

Und „Performance“ ist nun gerade generell das Ding. Wir sitzen alle ständig für den nächsten großen Auftritt in der Maske – pudern hier, füllen und überspachteln dort. Die einzige Kanzlerinnenkandidatin bekam überraschenderweise dennoch Ärger für einen aufpolierten Lebenslauf. Zum richtig großen Politskandal reicht das wohl trotzdem nicht. Manche Empörung richtete sich dann auch schon – partiell oder überwiegend – auf die miese handwerkliche Performance des Baerbockʼschen Teams, weniger auf die Kandidatin selbst. Die hätten wohl nicht mal ein paar US-Politserien geschaut, um zu kapieren, wie das Macht-Business läuft, spottete kürzlich „Spiegel Online“ sinngemäß. So sieht’s nämlich aus: Willst du politisch ganz viel PS auf die Straße bringen, wie wir High-Performer sagen, dann – guck halt mal kurz in einer TV-Show, wie das geht.

Aber ehrlich gesagt: Im Alltag hätte ich aktuell gerne viel mehr Performance. In diesen (und alle: „hoooffentlich“) letzten Ausläufern der Weltseuche findet Berufsleben noch immer zu weiten Teilen im Videochat statt. Nach einer verspielten Anfangsphase, in denen sich Konferenzteilnehmer Urlaubsbilder, Gemälde, Fotos von Hallenbädern oder Science-Fiction-Illustrationen von Mars-Stationen als Hintergründe ins Bild schoben, regiert nun meist die Langeweile. Manche Firma legte schwer seriöse Standardhintergründe im Firmen-Design fest. Eine digitale Dienstuniform.

Special Effects und Stunts haben sich in Vikos (lang: Videokonferenzen) leider eh nie durchgesetzt. Bei uns dominiert optisch inzwischen verschwommene Innenarchitektur. Der Weichzeichner verhindert, dass Kollegen und Kolleginnen in zähen Konferenzabschnitten uneingeladen die Titel des Bücherregals scannen. Oder den Ehemann, der in Boxershorts zur Kaffeemaschine schleicht. In dieser Woche hatte die Konferenz-App auf meinem Handy eine neue Idee: Es erklärte mich selbst zum Hintergrund. Ein unscharfes Redakteursgesicht vor unscharfer Wand. Höchstens eine Hand durchdrang mal den Weichzeichnernebel. Fast schon Kunst. Eine Performance.



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