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Der Klüttunnel ist Anflugstelle für mehrere Arten und sichert damit den Bestand der bedrohten Tiere

Winter-Wohnheim für Fledermäuse

Hier kommt niemand rein, es sei denn, er ist Einbrecher oder er hat die Erlaubnis dazu. Der ehemalige Tunnel im Klüt ist tabu. Diejenigen, die hier Schutz vor Feinden und Tageslicht suchen, sind scheu und streng geschützt. Einige Gitterstäbe aus massivem Stahl, die den Eingang versperren, sind verbogen. Kriminelle Subjekte haben sich daran ausgelassen, um in den Schacht einzudringen.

veröffentlicht am 07.06.2013 um 06:00 Uhr

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Der Schacht ist dunkel und Steine am Boden beschweren den Gang durch den 316 Meter langen Tunnel. Wasser tropft von den Wänden und man spürt die Luftfeuchtigkeit, die hier im Durchschnitt bei 90 Prozent liegt. Im Tunnel befinden sich drei Seitenstollen, die jeweils zwei Meter lang und mehrere Meter hoch sind. Die Seitenschächte wurden einst zur Kontrolle des Berges und zur Wasserabführung gebaut. Wenn in den Wintermonaten draußen eine Außentemperatur von minus neun Grad ist, herrscht im Tunnel eine Temperatur von plus acht Grad Celsius. Der Tunnel ist ein Baudenkmal und liegt am südwestlichen Stadtrand von Hameln, westlich der Straße „Fort Luise“ in der Nähe des Einmündungsbereichs der Bundesstraße B1 und B 83. Der Klüttunnel wurde 1897 fertiggestellt und gehörte zur Bahnverbindung Hameln–Lage. Seit der Stilllegung der Eisenbahnstrecke im Jahr 1980 hat er sich als Wohn- und Zufluchtsstätte für bestandsbedrohte Flugkünstler entwickelt. Oft hängen sie mit ihren kleinen spitzen Krallen an den Wänden der Wasserablaufkanäle. In den Sommermonaten besiedeln sie die gesamte Stadt Hameln. Ihre Sommerquartiere findet man in hohlen Bäumen, auf Dachböden oder in speziellen Kästen. Ihre Winterquartiere sind unter Tage. Ab Oktober fliegen sie in den Klüttunnel ein und dürfen dann nicht mehr gestört werden. Sie finden dort die optimalen Bedingungen für ihren Winterschlaf: Frostfreiheit, hohe Luftfeuchtigkeit und vor allem Ruhe. Heimlich, aber nicht unheimlich, fliegen sie geschickt durch die senkrechten Gitterstäbe hinein in den Schacht. Die Gitter sind wichtig, damit sie mühelos in den Tunnel fliegen können und damit das Mikroklima im Tunnel nicht verändert wird.

Dort, wo sich einst Bahnsteig und Tunneleinfahrt am Haltepunkt „Hameln/Klüt“ befanden, befindet sich heutzutage eine Jagdfläche. Es ist die Jagdfläche der Fledermäuse (Microchiroptera). „Das gesamte Gelände vor dem Tunnel ist seit 1997 ein geschützter Landschaftsbestandteil. Das ist kein Abenteuerspielplatz“, betont Rainer Marcek, Regionalbeauftragter für Fledermausschutz Hameln Pyrmont. Fledermäuse haben kaum natürliche Feinde, aber gehören zu jenen Lebewesen, die am meisten unter intensiver Land- und Forstwirtschaft sowie der Vernichtung natürlicher Lebensräume durch den Menschen leiden. Seit 1936 stehen alle in Deutschland vorkommenden Fledermausarten unter Artenschutz, weil sie vom Aussterben bedroht sind. Die Kleine Hufeisennase ist mittlerweile in Niedersachsen ausgestorben. Gründe dafür waren nach Rainer Marcek die kalten Sommer der 1960er Jahre, Pestizide und Quartierverluste. „Der Trend geht heute wieder aufwärts und die Hufeisennase könnte noch vom Klimawandel profitieren“, sagt Marcek mit einem Lächeln. Im Landkreis Hameln-Pyrmont begann der aktive Fledermausschutz 1983 mit der Gründung der Arbeitsgruppe Fledermausschutz. Die Arbeitsgruppe besteht heute aus sechs Personen und wird in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern. Führungen der Gruppe finden von März bis Oktober statt.

„Zu Beginn konnten die Bartfledermaus, die Wasserfledermaus und vor allem die Zwergfledermaus im Tunnel nachgewiesen werden“, so Marcek. Heute befinden sich in dieser Lebensstätte nach Angabe des Experten noch dazu die Fransenfledermaus und das Große Mausohr. „Schwerpunkt bleibt aber die Zwergfledermaus, und die ist sichtbar. Im Winter befinden sich rund 150 Zwergfledermäuse im Tunnel, möglicherweise auch noch mehr. Quartierspezialisten haben es schwer, die Zwergfledermaus ist jedoch ein Allrounder. Sie ist der Hansdampf in allen Gassen – völlig anpassungsfähig“, erklärt der Experte.

Der Tunnelbereich wird durch Fledermauspopulationen als Winter-, Zwischen- und Sommerquartier genutzt. Im Tunnel selbst befinden sich 10 Fledermauskästen, die von dem Albert-Einstein-Gymnasium in Hameln gespendet wurden. „Im Winter befinden sich in jedem der Kästen etwa 50 bis 60 Fledermäuse. Da wird es dann richtig eng“, sagt Rainer Marcek, öffnet dabei einen unbewohnten Kasten im Tunnel und deutet auf den Fledermauskot. Bei einer weiteren Kastenkontrolle leuchtet er erneut den Kasten aus und deutet auf eine ruhende Zwergfledermaus am Ende des Quartiers. Im gesamten Landkreis befinden sich 300 dieser Fledermauskästen. Sie dienen als Winter- und Zwischenquartiere im Tunnel, draußen als Sommerquartiere für die Ruhepausen. Derzeit sind die Fledermäuse ausgeflogen und bewohnen spezielle Quartiere für die Aufzucht ihrer Jungen. Der Klüttunnel ist für die Fledermäuse ein unersetzbares Quartier geworden und sorgt dafür, dass der Fledermausbestand kontinuierlich ansteigt.

Hohe Luftfeuchtigkeit, frostfrei und ruhig – so verbringen Fledermäuse am liebten ihren Winterschlaf. Gleich mehrere Arten fliegen deshalb von Oktober an in den Klüttunnel ein.



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