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Warum es Sinn macht, über Regeln zweimal nachzudenken

Wie Zähneputzen vor dem Essen

Hatten Sie, liebe Leserin, lieber Leser und liebe Lesenden, schon einmal das Vergnügen, einem Kind die Sache mit dem Zähneputzen zu erklären? Falls ja, wissen Sie, dass dabei auch der Erklärende eine Menge lernen muss. Vor allem über Regeln (und ihre Tücken).

veröffentlicht am 24.04.2021 um 09:00 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Und weil das Thema „Regeln (und ihre Tücken)“ ja gerade so omnipräsent wie sonst nur selten ist, erlaube ich mir heute einen kleinen Exkurs über Mundhygiene.

Morgens, mittags, abends. Das ist eigentlich einfach zu verstehen. Nun liegt es aber leider oder auch zum Glück ja in der Natur des Menschen, Vorschriften zu hinterfragen. Besonders die Unbeliebten. Gerade Kinder entwickeln dabei enormen Sportsgeist. Wann genau zum Beispiel endet „morgens“? Und was ist, wenn gegen Mittag mal kein Badezimmer in Reichweite ist?

Der fleißige Regler reagiert mit Konkretisieren und Nachschärfen: An Wochentagen um 7.30, 13.30 und 19 Uhr. An Wochenenden und sonstigen freien Tagen kann der Zeitpunkt des ersten und letzten Putzens nach hinten verschoben werden. Befindet sich das Kind außerhäusig, gelten automatisch auch abweichende, ortsübliche Regeln. Aus Anlass von Wanderausflügen und Zoobesuchen kann der Mittagstermin ausnahmsweise entfallen, jedoch nicht häufiger als an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Die falsche Zahnpasta-Sorte gilt bei Verstößen nur im Falle einer diagnostizierten Minz-Allergie als mildernder Umstand.

Wer glaubt, dass damit nun alles geregelt ist, hat die Rechnung ohne den zivilen Ungehorsam gemacht. Denn je kleinteiliger eine Vorschrift formuliert wird, desto mehr Möglichkeiten zum Widerspruch und Anreize für kreative Auslegung liefert sie. 7.32 Uhr hätte heute besser gepasst. Minze ist zwar kein Problem, dafür aber Fluorid. Wenn der Zoobesuch eine Ausnahme rechtfertigt, sollte für den Hundespaziergang dasselbe gelten! Und überhaupt: Muss in Schaltjahren auch am 29. Februar geputzt werden?

Spätestens an diesem Punkt sehen die meisten Erziehungsberechtigten ein, dass eine Schaltjahr-Klausel das Problem nicht beheben wird. Längst sind im Wust der Paragrafen nämlich sowohl der eigentliche Sinn der Regel als auch jede Klarheit und Akzeptanz verloren gegangen. Man erinnere sich: Ursprünglich ging es nicht darum, die Zahnbürste zu einer definierten Uhrzeit in einem festgelegten Winkel in den Mund zu stecken, sondern – ganz banal - um Karies-Prophylaxe. Die ebenso banale wie einleuchtende Vorschrift muss folgerichtig lauten: Nach dem Essen Zähneputzen nicht vergessen. Verständlicher geht es nicht.

In den vergangenen Wochen habe ich mir mehr als einmal gewünscht, ein pädagogisch versierter Bürokrat möge sich erbarmen und die Corona-Regeln in ihre Ursprungsform zurückübersetzen. Denn wie ich festgestellt habe, sind auch einige Erwachsene ziemlich gut darin, ungeliebte und komplizierte Vorschriften gleichzeitig einzuhalten UND komplett ad absurdum zu führen.

So erklärte mir beispielsweise eine Bekannte mit verschwörerischem Unterton, sie würde sich mehrmals pro Woche mit Freundinnen zum Einkaufen im Supermarkt verabreden, weil dies zuhause ja verboten sei. Ein anderer Bekannter lehnt hartnäckig das Angebot zum Homeoffice ab. Im Büro, so seine Logik, kann er ganz legal viel mehr Sozialkontakte pflegen, als ihm im heimischen Wohnzimmer erlaubt wären. Und eine mir nahestehende Person verkündete jüngst, für den Fall einer nächtlichen Ausgangssperre unzulässige Treffen nach Feierabend dann eben gleich zur Pyjamaparty auszubauen.

Ich frage mich seitdem ernsthaft, wie viele Menschen wohl zu Ostern nur deshalb in einen gut besuchten Gottesdienst gelaufen sind, weil sie sich nicht (verbotenerweise) zu sechst auf dem eigenen Balkon treffen wollten. Mit gewisser Wahrscheinlichkeit saßen auch in den ausgebuchten Fliegern nach Mallorca Personen, die sich bloß nicht getraut haben, illegal ein verlängertes Wochenende in Onkel Ottos abgelegener Ferienwohnung an der Nordsee zu verbringen.

Ja, die Vorschriften wurden eingehalten. Und nein, Sinn macht das so nicht. Im Gegenteil: Wer ohnehin schon vorhat, es mit dem Infektionsschutz ausnahmsweise(!) mal nicht ganz genau zu nehmen, sollte im Zweifelsfall lieber ein illegales kleines als ein legales, aber ungleich größeres Risiko eingehen. Daran werde ich hoffentlich denken, wenn ich mich wieder einmal aus reiner Langeweile auf den Weg in die Drogerie mache, um Zahnpasta zu kaufen. Rein theoretisch könnte ich mir stattdessen doch einen verbotenen Drei-Personen-aus-drei-Haushalten-Spaziergang erlauben. Ob ich mich das wirklich traue, weiß ich allerdings noch nicht.



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