weather-image
×

Wir Alleskönner

Wie Youtube uns die Welt erklärt

Wir können alles. Wirklich alles. Wir können Spitzen häkeln, Autobatterien wechseln, Gleichungen lösen, Dächer abdichten, Hunde frisieren, Tomaten ausgeizen und „Ticket to ride“ von den Beatles auf der Gitarre spielen – alles kein Problem. Voraussetzung ist allein eine halbwegs stabile Internetverbindung – und ein passendes Youtube-Video.

veröffentlicht am 10.08.2019 um 06:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Aber das findet sich. Schließlich gibt es nichts mehr, das nicht irgendwer in bewegten Bildern erklärt.

Sogar Dinge, von denen wir gar nicht ahnten, dass sie uns mal dringend jemand erklären muss. Wer „Schuhe binden“ eingibt, wird von guten Tipps schier erschlagen. Besonders beliebt ist aktuell das Video „Schuhe binden in 2 Sekunden“. Das Filmchen ist erstaunlicherweise trotzdem eine ganze Minute lang. Oder wie wäre es mit „11 Wegen, seine Schuhe zuzubinden“ oder auch: „Schuhe binden leichtgemacht – drei Methoden für jeden Anspruch.“ Seitdem ich diesen Titel kenne, sinniere ich über meinen ganz persönlichen Anspruch an gebundene Schnürsenkel. Ich wusste ja nicht, dass ich einen haben sollte.

Aber es wird bei Youtube noch viel grundsätzlicher: Zum Thema Atmen finden sich ebenfalls viele gute Tipps. „Atmen – der natürliche Weg in die Heilung“ zum Beispiel. Richtet sich dieses Filmchen an Menschen, die – warum auch immer – für eine Weile mal nicht geatmet haben, glaube ich das mit der Heilung sofort. Auch zum korrekten Naseputzen ist garantiert Erhellendes zu finden – nur ansehen mag ich mir das nun wirklich nicht.

Zentrale Kinderfragen lassen sich ebenfalls zu weiten Teilen per Youtube klären: 4,6 Millionen Mal angesehen wurde zum Beispiel das Video „KiKa erklärt, wie Kinder entstehen“. Ich würde es weiterempfehlen. Wer lieber etwas mit Bienchen und Blümchen möchte: „Woher kommt Honig?“, erläutert vom „Sendung mit der Maus“-Armin. Hat immerhin eine halbe Million Klicks.

Aber klassische Youtube-Situationen im Erwachsenenleben sind andere: Das Handy liegt im Motorraum, eine Hand fummelt synchron zur Videohand an der Scheinwerferbirne. Das Handy liegt auf dem Sofa, Stricknadeln suchen den gleichen kurvigen Weg wie die Video-Stricknadeln. Das Handy liegt unter dem Waschbecken, eine Rohrzange setzt an, wo die Video-Rohrzange ansetzt.

Nur ganz selten frage ich mich, ob uns Youtube-Generalisten etwas verloren geht – angesichts all der digitalen Vorturnerei. Vielleicht das so charakterbildende Scheitern. Oder die Fähigkeit, nur als vage Nachdichtung aus dem Vietnamesischen verfügbare Gebrauchsanleitungen zu verstehen. Oder die Demut vor echtem Können. Bis heute habe ich kein Video gefunden, das mir dazu eine Erklärung liefert.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige