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Wie kleine Tics bei Kindern behandelt werden können

Wenn ein Zwinkern gar nicht komisch ist

Das Gemeine an ihnen ist, dass man nicht weiß, was sie wirklich beeinflusst. Das Augenzwinkern kommt, wann es will, das laute Schreien ebenso. Ob die Tage vorher besonders stressig waren oder aber auch nicht – das kann einen Einfluss haben. Oder auch nicht. Tics sind ziemlich unberechenbar.

veröffentlicht am 29.07.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Räuspern, Hüsteln, Schnäuzen zählen zu den einfachen vokalen Tics, die einem das Leben nicht unbedingt schwerer machen. Bei den komplexen phonetischen, zum Beispiel beim Bellen und Grunzen, sieht es schon anders aus. Wer im Unterricht bellt oder schreit, dürfte sich zunächst des Gelächters der Mitschüler sicher sein. Am häufigsten treten laut Kathrin Brunhorn vom Ameos Klinikum in Hameln aber die einfachen motorischen Tics auf: Blinzeln, Nase rümpfen, mit den Armen oder Beinen wackeln, den Mund öffnen, Schulterzucken oder sogar Stirnrunzeln. Daneben gibt es die komplexen motorischen Tics, bei denen die Betroffenen wie aus dem Nichts heraus hüpfen, klopfen, schlagen, kratzen, beißen.

Brunhorn, leitende Oberärztin und Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, arbeitet mit Kindern, die unter Tic-Störungen leiden, und deren Familien zusammen. „Leiden“ ist der Indikator, der ausschlaggebend für eine Behandlung ist. Wen sein Tic nicht stört, soll ihn doch einfach behalten. Wessen Leben aber dadurch beeinträchtigt ist, kann sich helfen lassen. Zumindest ein Stück weit.

„Tics lassen sich nicht heilen“, sagt Kathrin Brunhorn. „Aber die Symptome lassen sich deutlich abmildern“, macht sie den Betroffenen Mut. Tic-Störungen seien gar nicht so selten. In einigen Veröffentlichungen ist davon die Rede, dass vier bis zwölf Prozent der Kinder einmal von Tics heimgesucht werden. In immerhin Zweidrittel der Fälle verschwänden die Tics in der Pubertät; noch mal 20 bis 30 Prozent der Tics in der Adoleszenz, so Brunhorn; 10 Prozent der Betroffenen trügen ihre Tics auch im Erwachsenenalter mit sich. Ein sehr kleiner Teil bekomme Tourette: Bei Tourette kommt zu mehreren motorische Tics mindestens ein vokaler hinzu.

Los gehe es meistens im Kindergarten oder in der Schule, schildert die Ärztin. Dabei entwickeln Jungs drei- bis viermal häufiger Tics als Mädchen. Kinder (auch Erwachsene) können ihre Tics sogar ein Stück weit kontrollieren – ein „total anstrengendes“ Unterfangen, bei dem ein anderes Hirnareal fürs Unterdrücken aktiviert wird; ein Unterfangen, das dann nach der Schule oder dem Kindergarten scheitert, sobald die Kinder zu Hause sind und lockerlassen. Dieser Umstand ärgere manche Eltern, erzählt Kathrin Brunhorn, oder verunsichere sie – im Sinne von: „In der Schule kriegt mein Kind das doch auch hin, warum nicht hier?“

Aufklärung der Familien und auch der Lehrer ist ein Teil der Behandlung, wenn Eltern und Kinder sich entschlossen haben, diese in Anspruch zu nehmen. Den Kindern werde dabei klar, dass andere das auch haben – eine Riesenerleichterung –, den Eltern werde versichert, dass sie nichts falsch machen und den Tic nicht verhindern können. Und Lehrer werden über die Störung aufgeklärt, damit sie in der Klasse angemessen reagieren und auch die anderen Schüler informieren können. „Wir raten den Kindern auch, den anderen Kindern davon zu erzählen“, sagt Brunhorn.

Eltern rät sie Folgendes: „Erst einmal beobachten.“ Manchmal verstärken Tics sich in stressigen Übergangsphasen. Manchmal verstärken andere stressige Situationen die Tics. „Leider auch positiver Stress“, berichtet die Ärztin. Hauptsächlich aber seien Tics genetisch bedingt.

Kontakt: Ansprechpartner für Eltern seien Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die Früherkennungsstelle, aber auch das Ameos-Klinikum, (05151) 9567-85 67.



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