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Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt über die Pläne zum „G9“

Weniger Stress am Gymnasium

Seit Kurzem ist der Abschied vom Turbo-Abi in Niedersachsen im Gespräch, doch wie der Plan der Landesregierung umgesetzt werden soll, ist noch offen. Im Interview spricht Kultusministerin Frauke Heiligenstadt über den Weg zum neuen G9 und darüber, wie sie den Elternwillen stärken will.

veröffentlicht am 05.03.2014 um 00:00 Uhr

Im Rahmen einer Schulgesetzreform wollen Sie die Schullaufbahnempfehlung abschaffen. Welche Konsequenzen wird das für Eltern und Schüler haben?

Wir haben im Rahmen des rot-grünen Koalitionsvertrags unter anderem die Abschaffung der Schullaufbahnempfehlung festgelegt. Diese entfaltet derzeit ohnehin nur noch eine Wirkung: Schülerinnen und Schüler können nach der 6. Klasse abgeschult werden – also an eine andere Schule verwiesen werden –, wenn sie auf eine Schule gehen, die nicht der Empfehlung entspricht. Wir wollen statt der Empfehlung eine sehr sorgfältige Beratung der Eltern sicherstellen, damit diese eine gut informierte Entscheidung darüber treffen können, auf welche Schule sie ihr Kind nach der 4. Klasse schicken möchten.

Können niedersächsische Eltern sich darauf einstellen, dass das Abitur nach neun Jahren ab dem Schuljahr 2015/2016 wieder der Regelfall an den Gymnasien wird?

Es gibt eine große Bereitschaft in Koalition und Landesregierung, das Abitur grundsätzlich wieder nach neun Jahren zu verankern. Das bedeutet einen Systemwechsel, weg vom Turbo-Abitur. Die Reform soll Bestandteil der von mir geplanten Schulgesetznovelle sein, und die wird zum 1. August 2015 in Kraft treten.

Gelten die Neuerungen dann 2015/2016 nur für neu eingeschulte Kinder?

Die konkrete Ausgestaltung der Gesetzesreform wird noch beraten. In Kürze wird der Bericht einer Expertenkommission fertig, die unterschiedliche Wege in Hinblick auf das Abitur geprüft hat. Auf dieser Basis werde ich einen konkreten Umsetzungsvorschlag machen. Fakt ist aber: Man kann durchaus mehrere Jahrgänge in die Umstellung einbeziehen.

Eltern beklagen, dass ihre Kinder schon in der Mittelstufe mehr als 35 Stunden im Unterricht sitzen. Werden sie das ändern?

Wenn wir G9 flächendeckend für alle Gymnasien in Niedersachsen zum 1. August 2015 einführen, werden wir die Wochenstundenbelastung deutlich senken können. Von Klasse 5 bis Klasse 10 wird es dann nicht mehr als 30 Stunden in der Woche Unterricht geben.

Wo sehen Sie denn an den Gymnasien noch Handlungsbedarf – über die Frage acht oder neun Jahre hinaus?

Wir müssen über die Gestaltung der Oberstufe reden, die Anzahl der Prüfungsfächer und die Anzahl der Stunden in diesen Prüfungsfächern, die Anzahl der Klausuren oder auch die Einbringungsverpflichtungen. Es gibt sehr viele Punkte, die zur Entlastung an den Schulen beitragen können, die zunächst mal nichts mit der Schulzeitdauer zu tun haben. Und diese Maßnahmen kann man über Verordnungen und Erlasse regeln, die zum Teil auch schon vor dem 1. August 2015 umgesetzt werden könnten. Auch in dieser Hinsicht hat die Expertenrunde mögliche Auswirkungen geprüft.

Das heißt, es sind schon zum nächsten Schuljahr an den Gymnasien Maßnahmen möglich, die den Druck, den Eltern, Schüler und Lehrer beklagen, lindern?

Wir werden die Gymnasien deutlich besser mit Ganztagsstunden ausstatten, so dass Förderung von Schülerinnen und Schülern am Nachmittag wesentlich besser möglich sein wird. Auch das reduziert Stress.

Wie viele Freiheiten geben sie leistungsstarken Schülern, auch künftig noch im Turbotempo zum Abi zu kommen?

Schülerinnen und Schüler, die das möchten und die individuellen Fähigkeiten mitbringen, können schon heute ein Jahr überspringen. Das ist eine Möglichkeit, die wir auch weiterhin anbieten möchten – idealerweise dann bei einem G9 zu Beginn der Oberstufe von Klasse 10 in Stufe 12.

Die Opposition wirft Ihnen vor, dass Sie den Gymnasien schaden. Wie begegnen Sie dem Vorwurf?

Wir stärken die Gymnasien. Aber wir reden anders als die schwarz-gelbe Vorgängerregierung mit den Betroffenen, bevor wir Veränderungen einleiten. Dieser Prozess braucht Zeit, aber die Schulen können dann sicher sein, dass sie mit den beschlossenen Maßnahmen langfristig arbeiten können.

Interview: Anja Schmiedeke



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