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Glückliche Verliererin

Warum Erziehung mit einer Niederlage enden sollte

Liebe Leserinnen, Leser und Lesende, eines heute gleich vorweg: Wenn Sie von Journalisten grundsätzlich Objektivität erwarten, werden Sie in wenigen Minuten schwer enttäuscht sein.

veröffentlicht am 26.06.2021 um 09:00 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Stellen Sie sich also bitte einfach vor, es ginge um die Nationalelf – und ich wäre mit ähnlich neutraler Haltung bei der Sache wie ein durchschnittlicher deutscher Sportreporter.

Da mich Fußball schon immer wenig interessiert hat, musste ich mir andere Hobbys suchen und habe deshalb drei Kinder. Im Laufe der Zeit (es sind jetzt 19 Jahre) hat sich unsere Beziehung gewandelt. Aus anfänglich rein archaischer Mutterliebe hat sich etwas entwickelt, was ich ausnahmsweise mit einem Anglizismus beschreiben möchte: Fandom. Ich bin mit Leib und Seele „Team Generation Z“.

Wenn mein Jüngster auf Instagram ein Video von seinen Fahrradtricks postet, bin ich die Erste, die ein kleines Herzchen darunter setzt. Wenn der Ältere mir erklärt, dass Jungs in seinem Alter mehr Wert auf Umgangsformen legen als ihre Eltern, nicke ich respektvoll und nehme unauffällig die Füße vom Tisch.

Und als die Älteste am Abendbrottisch verkündete, sie werde in den kommenden Monaten ihr Geld vor allem in Bettbezüge, Küchenutensilien und Kleinmöbel investieren, wusste ich, was die Stunde geschlagen hatte: Mein Kind würde mich verlassen. Die heutige Jugend, das sollten Sie wissen, redet nämlich nicht nur gern, viel und meiner Meinung nach verhältnismäßig klug daher. Sie handelt auch tatsächlich.

Innerfamiliäre Diskussionen über die Ursachen und Folgen des Klimawandels mündeten so beispielsweise ganz praktisch im Verzicht auf Wäschetrockner und Fernreisen, der Einführung veganer Ernährung und plastikreduzierter Haushaltsführung sowie einer euphorischen Begeisterung für Second-Hand-Klamotten und andere emissionsarme Konsumgüter.

Ich habe, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, deshalb großes Verständnis für Vertreter der älteren Semester, die die penetrante Beharrlichkeit und Konsequenz der nachwachsenden Generation als nervtötend empfinden. Statt – wie es sich gehört – respekt- und meist folgenlos zu rebellieren und ab und zu etwas kaputtzumachen, haben sich die neuen jungen Wilden darauf verlegt, mit sachlichen Argumenten und demütigend gutem Beispiel gegen das Gewesene vorzugehen. So etwas macht das Miteinander nicht immer einfach.

Den großzügigen mütterlichen Vorschlag, für die fehlenden Haushaltswaren doch einen gemeinsamen Ausflug zu Ikea zu unternehmen, lehnte meine Tochter naserümpfend ab und kaufte stattdessen lieber Bio-Bettwäsche und Gebrauchtmöbel. Wohlgemerkt von ihrem eigenen Geld.

Ich habe auch dies (wahrscheinlich zu Recht) als einen strengen Seitenhieb gegen mein eigenes, immer noch nicht ganz einwandfreies Konsumverhalten verstanden. Generation Z, so lautete die unterschwellige Botschaft, weiß nicht nur, dass gute Dinge Geld kosten. Sie ist auch bereit, den Preis dafür höchstpersönlich zu bezahlen.

Im Laufe der Jahre habe ich mich damit abgefunden, im Wettstreit mit meinen Kindern immer häufiger nur den zweiten Platz zu belegen. Was sie machen, machen sie fast immer besser als ich. Es war meine Tochter, die mich nach einer meiner vielen erfolglosen Schlachten mit den Worten tröstete, Erziehung sei ein Kampf, den Eltern verlieren müssten. Erst jetzt, wo das erste Kind mein Haus verlässt, verstehe ich wirklich, wie klug dieser Satz tatsächlich ist. Meine Tochter gehen zu sehen, gibt mir ein gutes Gefühl: Ich habe verloren – und die Welt gewonnen. Denn da draußen gibt es noch viel zu tun.



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