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Legende von der Universität als Alternative geht noch heute um / Die Geschichte des Stockhofs, Teil I

Warum das Gefängnis nach Hameln kam

Es geht in Hameln noch immer die Sage von den weisen Stadtvätern um, die einst vor die Wahl gestellt wurden, ob Hameln eine Universität oder ein Gefängnis erhalten sollte. Aus Sorge um die Tugend ihrer Töchter hätten sie sich für das Gefängnis entschieden und Göttingen die Universität überlassen. Diese Legende ist so wenig wahr wie jene, es seien die bösen Franzosen gewesen, die das Hamelner Münster verheerten.

veröffentlicht am 15.04.2013 um 06:00 Uhr

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Warum kam das Gefängnis nach Hameln? Weil es seinerzeit nach Meinung der Regierung in Hannover nirgends anders am richtigen Platze war als in Hameln, der bedeutendsten Landesfestung des Kurfürstentums. Auch zeitlich ergibt die Legende keinen Sinn: Die Universität Göttingen wurde 1737 eingeweiht; sie ist damit vier Jahrzehnte jünger als das 1698 in Hameln eingerichtete Gefängnis.

Stockhöfe oder – wie sie allgemein genannt wurden – Karrenanstalten gab es in den großen Festungen des hannoverschen Fürstentums. Deren Bau und Unterhalt erforderte zahlreiche Arbeitskräfte. Die Karrensträflinge wurden für einfache Arbeiten wie das „Karreschieben“ herangezogen.

Die Karrenanstalten unterstanden dem Festungskommandanten. Dieser sah in der Aufsicht über die Häftlinge in der Regel eine lästige Pflicht, so dass Mängel selten abgestellt wurden. Nur ein geringer Teil der Insassen waren desertierte Soldaten, die meisten jedoch Zivilisten. Die Häftlinge mussten hart arbeiten und wurden, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen, unter einfachsten Bedingungen „aufbewahrt“.

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Männer „von Stand“ finden wir in der „Karre“ nie. So bezeichnete 1791 die hannoversche Justiz-Kanzlei die Karrenstrafe als „völlig entehrend, mit Dieben und Räubern in ein Consortium stellend, und alles künfftige Fortkommen oft auf immer zerstöhrend“. Zu 70 bis 80 Prozent war es „Dieberey“, die zur Bestrafung geführt hatte, typisch für die Mangelgesellschaft des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Fast alle Insassen kamen aus der Unterschicht. Diebstahl wurde damals außerordentlich hart bestraft. Für einfachen Diebstahl gab es Strafen von zwei bis zehn Jahren. Auf Diebstahl im Rückfall stand lebenslängliche Karrenstrafe. Der Diebstahl eines geschlachteten Hammels wurde in einem Falle mit 14 Jahren geahndet, der eines Pferdes gar mit 24, in anderen Fällen mit lebenslänglicher Haft. Andere häufige Delikte waren Wilderei und Körperverletzung.

Die Hamelner Karrenanstalt wurde spätestens 1698 gegründet. Die Gefangenen waren im sogenannten Stockhaus untergebracht, ein Hinweis darauf, dass die Häftlinge ursprünglich „in den Stock gelegt“, also nachts angeschlossen wurden.

Hameln war mit 200 bis 300 Insassen im frühen 19. Jahrhundert die größte Karrenanstalt in den hannoverschen Landen. Bei schweren Delikten sollten die Delinquenten „nach Hameln condemniert werden“.

Das alte Hamelner Stockhaus war ein recht stattlicher, 1713 errichteter Bau mit hohem Mansarddach. Das Gebäude lag – aus sanitären Gründen – unmittelbar an der Weser und enthielt je zwei große Räume im Erd- und im Obergeschoss. Eine steinerne Außentreppe führte ins Obergeschoss. Jeder der vier Räume war etwa 50 Quadratmeter groß und für 25 Häftlinge vorgesehen. Die Häftlinge hatten keine Betten, sondern lagen eng beieinander auf Brettern. Vor allem tagsüber herrschte eine bedrängende Enge.

Der Strafvollzug der Karrengefangenen war hart. Sie leisteten täglich zehn Stunden schwere Arbeit im Festungsbau. Dabei trugen sie Beinketten mit einem Gewicht von vier Pfund. Wenn die Arbeit an den Festungswerken ruhte, wurden die Häftlinge auch zu anderen Arbeiten eingesetzt, zum Neubau der Weserbrücke (1709-1712), zur Schleifung der Festung (1808), zum Bau der Schleuse auf dem Werder (1810) und der städtischen Ausfallstraßen (1819).

Als nach Schleifung der Festung im Jahre 1808 die Hauptaufgabe der Häftlinge entfallen war, hatten die Gefangenen häufig nichts zu tun. Sie verbrachten ihre Zeit mit „Nichtsthun und Spielen“. Die Karrenanstalt befand sich damals im Zustand fortschreitender „Verwahrlosung“.

Häftlinge spielten im Bild der Stadt eine bedeutsame Rolle und waren Teil des städtischen Lebens. Sie sorgten für die Reinigung der Straßen, konnten als Tagelöhner gemietet werden und saßen im Gottesdienst der Garnisonskirche. Lesen Sie nächste Woche Teil II der Stockhof-Geschichte.

Weitere historische Fotos:

zeitreise.

dewezet.de

Vor 1872 entstand dieses frühe Foto der Wasserseite Hamelns (Quelle: Stadtarchiv Hameln). Etwa gleichzeitig hat Wilhelm Busch beinahe dieselbe Perspektive gezeichnet (rechts, Quelle: Künstler sehen Hameln, S. 22). Unten zum Vergleich eine Aufnahme von heute.Dana



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