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Warum sich Entenküken und Katzen bei Stürzen aus großer Höhe selten verletzen

Wagemutige Sprünge ins Leben

Weserbergland. Anfangs war Günter Hofschild noch ein wenig skeptisch, doch irgendwann freute sich der Hamelner auf seine neue Aufgabe als „Ziehvater“. Vor gut vier Wochen hatte der 73-Jährige eine Enten-Mama auf seinem Balkon entdeckt. Die Stockente hatte es sich in einem Blumenkübel bequem gemacht, legte nach und nach Eier und begann zu brüten. Die Ente hatte offenkundig gefunden, wonach sie suchte: ein lauschiges Plätzchen für ihren Nachwuchs.

veröffentlicht am 05.07.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:55 Uhr

Frank Neitz

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Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Eigentlich nichts Ungewöhnliches, allerdings liegt Hofschilds Wohnung im zweiten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses an der Bürenstraße, der Balkon befindet sich fast zehn Meter über dem Erdboden. Zu einem Umzug nach dem Schlüpfen sollte es nicht mehr kommen.

Eines morgens hatte der Tierfreund die just zur Welt gekommenen Küken – Hofschild zählte acht „Federbälle“ – noch gesehen. Am Abend, als er von der Arbeit kam, war die Ente mitsamt dem Nachwuchs verschwunden.

Doch wohin? Und vor allen Dingen wie? Dass die Küken vom Balkon gesprungen sind, konnte sich der Tierfreund nicht vorstellen, zumal der darunterliegende Hof mit Betonsteinen gepflastert ist.

Stockenten sind Bodenbrüter und legen ihre Nester gut versteckt im Gestrüpp an. Doch auch alte Krähennester und Greifvogelhorste, Bäume oder eben Balkons werden von den anpassungsfähigen Vögeln als Brutstätten auserkoren. Dort ist das Gelege vor Fressfeinden sicher. In Berlin ist ein Fall bekannt geworden, wo eine Ente in der 16. Etage eines Hochhauses gebrütet hat. Als Nestflüchter verlassen die Küken innerhalb der ersten Stunden nach dem Schlüpfen das Nest. Dafür sind sie gut ausgestattet: Ihre Augen sind geöffnet, sie sind schon mit einem Federkleid ausgestattet, können allein fressen und bereits schwimmen. Nur mit dem Fliegen klappt es leider noch nicht.

Und doch werden die Kleinen ihr erstes Zuhause an der Bürenstraße über den Luftweg verlassen haben – mit beherzten Sprüngen, wie sie auch bei in Baumhöhlen brütenden Schellenten und Gänsesägern die Regel sind. Zum Vergleich: Für die nur zehn Zentimeter kleinen Vögel ist ein Sprung aus einer Höhe von zehn Metern so, als würde ein Mensch vom Turm des Ulmer Münster (162 Meter!) springen. Wie bekommen die das hin?

„Das ist gar nicht so ungewöhnlich“, sagt Dr. Norbert Kummerfeld von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Allerdings können die Küken die Geschwindigkeit beim freien Fall nicht wesentlich abbremsen, weder mit ihren kleinen Flügeln noch durch ihre Latschen, wie die Füße genannt werden.

„Sie plumpsen einfach so auf. Die Küken haben so ein weiches Daunenkleid, dass es meist gut geht“, weiß der Akademische Direktor der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel. Zudem seien die Knochen der Jungvögel noch weich. „Eigentlich sind es nur Knorpel“, sagt der Veterinär.

Ein nach einem Sprung verletztes Küken musste der Hessisch Oldendorfer Tierarzt Arne Bosse noch nie behandeln. „Höhenunterschiede können kleine Enten erstaunlich gut meistern. Verletzungen gibt es da so gut wie nie. Vom Knochenaufbau sind die extrem elastisch“, erklärt er.

Während die kleinen Entenküken mit fast jedem Körperteil auf der Erde aufschlagen können und dies meist schadlos überstehen, landen stürzende Katzen hingegen meist auf ihren Pfoten. Die Stubentiger verfügen über einen sogenannten Umdrehreflex, der ihnen hilft, sich im Fall für den Aufprall optimal auszurichten. Durch den Reflex dreht sich die Katze innerhalb von Sekundenbruchteilen im Fall vom Rücken auf die Pfoten.

„Bei Sprüngen aus zehn Meter Höhe kann sich eine Katze aber aufgrund des schweren Körpers und der Anziehungskraft schon mal verletzen. Die kommt zwar auf den Pfoten auf, federt dann aber durch. Bei einem 60 Gramm leichten Küken ist das anders“, sagt Bosse.

Die acht Entenküken haben ihren Sprung gut überstanden. Günter Hofschild hat die Entenfamilie wiedergetroffen. Die Entenmutter hat die Kleinen zu Lüders Teich geführt, auf dem sie nun herumschwimmen.



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