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Alle Fünfe gerade

Vorschlag zum Wochenende: Wir hören auf zu meckern und genießen unsere Freiheit

Heute wird hier mal nicht gelacht. Normalerweise sagt man ja vorneweg gerne mal so etwas wie „Entschuldigen Sie, aber …“ Doch das will ich hier und jetzt nicht. Denn: Manchmal muss man sich wirklich an den Kopf fassen, besser noch: Der Welt den Vogel zeigen.

veröffentlicht am 21.08.2021 um 11:00 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Weil die Dinge nicht mehr zusammenpassen, weil da etwas aus den Fugen gerät. Jeder Hinz und Kunz regt sich über noch so winzige Kleinigkeiten auf, anstatt einfach mal alle Fünfe grade sein zu lassen.

Man mag es nicht mehr aushalten: Es wird ständig und überall über alles gemeckert, egal, ob niet- oder nagelfest, egal, ob‘s nun mal aus Versehen schiefgegangen ist. Schuldige werden gleich mitgeliefert, Sippenhaft scheint in zu sein, und wenn gar nichts mehr zu helfen scheint, sind die Medien schuld.

Ein Beispiel: Es gibt Mitmenschen, die regen sich fix mal auf, dass wir ja viel zu wenig Wahlkampf erleben würden – mit dem besorgten „staatstragenden Argument“ unterfüttert, woher die Wähler denn am Ende wissen sollen, wen und was sie wählen … Und natürlich mit der aus der Hüfte geschossenen Unterstellung gepaart, die Politiker hätten ja scheinbar Besseres zu tun oder seien wohl lieber länger im Urlaub. Oder an den hanebüchenen Unsinn getackert, die Medien würden den Wahlkampf beeinflussen, weil sie ja Teil eines imaginären „Systems“ seien.

Andere regen sich wiederum darüber auf, dass es zu viel Wahlkampf gebe. Bei dieser Sorte Meckerer sollten die Politiker doch lieber länger Urlaub machen. Der Quatsch, die Nachrichtenmedien würden den Wahlkampf beeinflussen, weil sie ja Teil „des Systems“ seien, wird auch hier bemüht, bleibt aber auch von der anderen Seite betrachtet nur eines: falsch.

Was zeigt uns das Ganze? Es zeigt uns drei Dinge.

Erstens: Es ist heutzutage so schnell gemacht, einfach mal einen rauszuhauen. Einfach druffkloppen, ohne sich auseinanderzusetzen, ohne zu diskutieren. Streiten, argumentieren, überzeugen – das ist für viele scheinbar nicht mehr vorstellbar, vielleicht auch gar nicht gewollt – denn am Ende geriete man ja womöglich noch in Gefahr, zu erkennen, dass man selbst im Unrecht war. Dann lieber in Nacht und Nebel die Spraydose benutzen, im Internet Parolen rumschmieren – und abtauchen, wann es einem gefällt. Ich sage Ihnen: Die sogenannten Sozialen Medien tun uns nicht gut. Ganz im Gegenteil.

Zweitens: Nun gut, was für den einen zu wenig Wahlkampf ist, ist für den anderen zu viel Wahlkampf. Lassen wir das doch einfach mal so stehen. Es gibt hier kein richtig oder falsch, das Empfinden ist eben unterschiedlich. Und das darf auch so sein. Das Wichtigste ist doch aber, das Positive zu sehen: Wir haben Wahlkampf, also haben wir Wahlen… – wir haben Wahlen!

Drittens: Manchmal sind die einfachen Feststellungen die wirklich wichtigen. Das war meine Woche: Die Nachrichten haben uns täglich, ja stündlich vor Augen geführt, in welcher Freiheit wir leben. Fragen wir mal den in Afghanistan geborenen Hamelner Hschmat Balutsch, der nicht weiß, wen er von seiner Familie in Kabul jemals noch lebend sehen wird. Fragen wir mal die afghanische Bürgermeisterin Zarifa Ghafari, die über die Taliban sagt: „Ich sitze hier und warte auf sie. Es gibt keine Hilfe für mich oder meine Familie. Sie werden kommen und Leute wie mich umbringen.“ Verdammte Axt, und hier regen wir uns über Nichtigkeiten auf?



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