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Warum gute Nachbarschaft im Sommer manchmal auch lästig sein kann

Von Monster-Zucchini und Spinat-Spenden

Eins muss ich gleich zu Beginn klarstellen, denn ich weiß, dass er Zeitungsleser ist: Mein Nachbar ist nicht gemeint. Wenn er Spinat, Salat oder Süßkirschen über den Zaun reicht, freue ich mich. Wirklich. Aber kennen Sie das auch? Die nicht enden wollende Flut an Gemüse aus anderen Gärten, die ungebeten herübergereicht werden?

veröffentlicht am 20.07.2019 um 08:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

1,50 Meter lange Zucchini, die nach nichts schmecken, die kein Mensch verarbeiten kann, und wenn man es doch widerwillig macht, kommt eine Beilage für eine Hundertschaft heraus? Und weil ja Sommer ist und die Ernte sich nicht über das Jahr verteilt, gibt es nicht nur einmal eine Monsterzucchini, sondern jedes Wochenende neu geerntete aus verschiedensten Quellen.

Am besten noch dann, wenn man gerade selbst vom Einkaufen kommt. Mir ist ein Rätsel, warum die Dinger hier jeweils bis kurz vorm Platzen gezüchtet werden. In jedem Rezept ist nachzulesen, dass die kleinen, festen am besten schmecken. Oder ist die Nähe zum Atomkraftwerk schuld an dieser Form von Superfood? Bitte, nein, der Klimawandel ist es jedenfalls nicht, der diese Zucchinizombies produziert.

Besonders toll sind die ungefragten Sommerspenden, wenn man selbst einen Garten hat mit Gemüsebeeten. Ich weiß von einer Freundin, die das Pech hat, auf dem Dorf von mehreren Gärten umzingelt zu sein. Alleinstehende Damen, die – weil sie es immer so gemacht haben – auch im hohen Alter im großen Stil Flächen hinterm Haus beackern, säen und ernten, dass damit achtköpfige Familien ernährt werden könnten. Mit dem Ergebnis, dass meine Freundin sich nicht nur die Klagen über Rücken- und Knieschmerzen anhören muss, sondern sich zu den verschiedenen Erntezeiten an drei Zaunseiten Tüten mit Äpfeln, mehreren Salatköpfen, Walnüssen, Sauerkirschen oder Stachelbeeren reihen. Die letztgenannten sind fast so schlimm wie Zucchini. Das Ganze wird in Riesenmengen, die kein Mensch verarbeiten kann und ungefragt übergeben, natürlich wird großer Dank im Gegenzug erwartet. Und Trost wegen der Knieschmerzen, die die Gartenarbeit nach sich zieht.

Wohl dem, der in einem Haus mit mehreren Parteien wohnt, in dem es vornehmlich Balkone gibt und die Paprikaernte gerade mal für die Bewohner reicht. Doch auch da haben die Menschen ihr Päckchen zu tragen. Eine Kollegein erzählte, dass sie jetzt in der Ferienzeit eine Stunde früher aufstehen muss, um ihren Job im Haus zu erledigen. Da müssen Blumen gegossen und die Post rausgenommen werden. Macht man ja gerne. Aber wenn die daheimgebliebenen Kaninchen aus Kummer nicht fressen wollen, mutiert dieser Ferienjob zur hochverantwortungsvollen Aufgabe. Das Fitnessstudio kann sich meine Kollegin in der Sommerzeit schenken, es geht treppauf, treppab. Wenn die einen nach drei Wochen wiederkommen, fahren übrigens die anderen. Noch mal drei Wochen. Aber, wie gesagt, man hilft ja gerne.

Genau wie es natürlich grundsätzlich toll ist, selbst angebautes Gemüse von nebenan frei Haus zu bekommen. Aber warum hat eigentlich niemand Tomaten? Oder Auberginen? Oder verschenkt sein Zeug lieber gleich an Bedürftige? Neulich habe ich gesehen, dass irgendwo die Menschen, die ihre eigene Ernte nicht selbst verarbeiten können, Äpfel beispielsweise, sie an ihren eigenen Zaun zur Straße hängen, sodass jemand, der sich darüber freut, das Obst mitnehmen kann. Freiwillig.

Ist ja auch irgendwie nicht gerecht: Die Nachbarn dürfen alles rüberreichen und wenn man die Kirschen von herüberhängenden Zweigen pflückt, ist das sogar verboten. Dabei wissen wir ja: Gerade die Kirschen in Nachbars Garten schmecken besonders gut – oder ist das nur noch ein altes Sprichwort? Also, Neid verspüre ich wirklich nicht angesichts der Flut von Giganto-Gemüse, das bei meiner Freundin Woche für Woche auf der Wiese landet. Und dann oft genug heimlich über die Biotonne entsorgt wird. Aus Überforderung. Nur die Harten kommen in den Garten – fällt mir da als flacher Küchenspruch ein.

Doch bevor ich es mir endgültig verscherze:

Lieber Nachbar, Sie haben gottlob keine Zucchini. Und ich muss auch nicht Blumen gießen oder die Post rausnehmen. Würde ich aber gerne machen bei Ihnen.

Und zum Dank Salat und Spinat entgegennehmen. In haushaltsüblichen Mengen.



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