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Spezialisten überall

Von guten Geschäftsideen und verborgenen Talenten

Ich war kürzlich in Berlin. Ha, wie das klingt! Früher mal interessant wie Käsebrot, aber inzwischen hat sogar eine innerdeutsche Kleinreise dieses Aroma von Abenteuer. Wie einst der Flug nach Kuala Lumpur. Vorher impfen lassen sollte man sich ja nun auch in beiden Fällen.

veröffentlicht am 17.07.2021 um 09:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. In Berlin, das wollte ich erzählen, gibt es im Grunde alles. Das ahnten wir in der Provinz natürlich längst. Mir ist aber nun erst wieder bewusst geworden, wie eifrig dieses „alles“ aufgeteilt und sortiert wird. Eine Hauptstadt der Spezialisten.

Ein Marktstand ausschließlich für Buntstifte. Warum auch nicht? Einer daneben für „personalisierte Notizbücher“. Hübsche Kladden, in die in Handarbeit der Name des Eigentümers geprägt wird. Bei mir haben es hübsche Notizbücher per se schwer, weil ihr großspuriges Äußeres eine sofortige Notierblockade auslöst – aber das ist mein Problem.

In einem kleinen Ladenlokal in Friedrichshain wurden zudem ausschließlich Jacken- oder Hosenaufnäher in 70er-Retro-Optik angeboten, schön knallig in Grundfarben gehalten. Haben Sie auch 90er-Retro? „Ham wa nüsch, jibts in Kreuzberg“, hätte der Inhaber vermutlich geantwortet, hätte ich gefragt. (Und hätte er berlinert, tut in Friedrichshain aber kein Mensch.) Ich habe übrigens nicht gefragt.

Kurzum: Diese angeblich so gnadenlose Marktwirtschaft, die mit strenger Hand aussortiert und hinwegfegt, in Berlin ist sie offenbar nur eine tüdelige alte Tante. Ja, manchmal tut sie ein bisschen streng, aber, wenn man ihr ab und an mal Cappu und Cupcake vorbeibringt, lässt sie mit sich reden. Zumindest für ein paar Monate – bis zur nächsten Spezialistenidee.

Doch werden wir mal kurz grundsätzlicher: „In irgendwas ist jeder gut“, wurde uns zumindest noch in den 80ern – auch das also längst retro – noch mit stark lösungsmittelhaltigem Klebstoff als Leitstern an den ideellen Horizont gepappt. So tröstlich. Wir müssen nur Geduld haben und feste an uns glauben, dann finden wir unser wahres Talent. Die eine Sache, in der wir nicht nur „so mittel“ sind, sondern gleich „gut“, vermutlich sogar „sehr gut“ – ach was: „herausragend“. Unsere noch geheime Superkraft, genetisch vorprogrammierte Spezialisierung. Was für ein schöner Quatsch.

Eine gewisse Grundausstattung von verschiedenen Fähigkeiten und Begabungen braucht’s im Leben schließlich am Ende schon. Prima einparken können, aber gar nicht kopfrechnen? Blöd. Super Ottifanten zeichnen, aber nicht flüssig lesen? Eher unpraktisch.

Später spezialisieren wir uns dann natürlich gern mit unserem Köcher voller „Kann ich einigermaßen“. Nicht wenige landen damit sogar im Fernsehen. „Experte“ steht dann in ihrer Bauchbinde. Für was auch immer. Der Wissenschaftler Matthias Burchardt zum Beispiel firmiert als „Monsterologe“. Falls Godzilla mal Bielefeld angreift, wird Burchardt in Fernsehinterviews zu sehen sein.

Aber vielleicht haben wir ja ganz versteckt doch zumindest so ein paar ganz kleine Spezialisten-Superkräfte. Ich bin in meiner Familie zum Beispiel berühmt dafür, ohne Uhr die (ziemlich) genaue Zeit ansagen zu können. In Berlin ließe sich das gewiss zur Geschäftsidee ausbauen: Biologische Chronometrie? Zu wissenschaftlich. Biozeit! Schon besser. Ich denk mal weiter drüber nach. Irgendwo wird bestimmt bald ein Ladenlokal frei.



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