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Kleine Rätsel Schaumburgs: Wie ein Bückeburger Schneider zur Kultfigur wurde

Vom Revoluzzer zum Hoflieferant

Bückeburg (gp). Unsere schnelllebige und stromlinienförmige Welt bietet wenig Entfaltungsspielraum für besondere Typen und Originale. Das war früher offenbar anders. In alten heimatkundlichen Aufsätzen und Überlieferungen ist des Öfteren von eigenwilligen Lebenskünstlern, spleenigen Außenseitern oder knorrigen Einzelgängern die Rede. Ein besonders auffälliger Zeitgenosse muss Heinrich Kuhfuß gewesen sein. Als er am 8. Mai 1901, also vor 110 Jahren starb, war – weit über die Grenzen Bückeburgs hinaus – vom „berühmtesten Schneider in der Geschichte der Residenz“ die Rede.

veröffentlicht am 02.07.2011 um 00:00 Uhr

Nicht alle Nachrufe klangen wirklich traurig. Einige sahen den kleinen, grauhaarigen Mann mit den langen Koteletten als höfischen Günstling und Opportunisten. Anderen galt er als kauziger Lebenskünstler. Einig waren sich alle, dass „Monsieur Küfü“, wie er genannt wurde, ein nicht alltägliches Leben geführt und für viel Abwechslung in der betulichen Residenz gesorgt hatte. Die ungewöhnlichsten Begebenheiten haben – in meist wohlwollend humorvollen Beschreibungen – Kuhfuß‘ Zeitgenossen und Mitbürger Lulu von Strauß und Torney und der Heimatdichter Dr. Rudolf Bensen zu Papier gebracht.

Kuhfuß wurde 1812 in Bückeburg als Sohn eines Schneiders geboren. Nach der Schule arbeitete er im Betrieb des Vaters mit. Bald eilte dem Junior der Ruf voraus, nicht nur flott im Umgang mit Zwirn und Nadel, sondern auch ein Meister geschliffener Worte und theatralischer Reden zu sein. Seinen ersten großen Auftritt erlebten die Bückeburger am 13. März 1848. Angesteckt von den leidenschaftlichen Parolen der reichsweit aufbrechenden revolutionären Freiheitsbewegung sprach Kuhfuß auf dem Marktplatz mit markigen Worten für die Armen und Unterdrückten. Das Gros seiner Zuhörer waren Bauern aus den umliegenden Dörfern. Sie sahen die Stunde gekommen, um mit Grepen, Forken und Sensen bewaffnet die Abschaffung der herrschaftlichen Frondienste zu fordern. Die Freiheit werde sich erheben „wie die Zedern auf dem Libanon“, soll Kuhfuß der jubelnden Menge auf plattdeutsch zugerufen haben, „un Worteln (Wurzeln) hät sei (die Freiheit) von hier bit na Bisantz Huse“ (gemeint war das Anwesen von Schlachtermeister Bisantz an der Langen Straße, später Gaststätte „Sonne“).

Im nahen Schloss sei man angesichts dieser Demo so beeindruckt gewesen, dass die fürstliche Regierung kurz darauf eine neue, liberalere Verfassung auf den Weg gebracht habe, ist in den heimatkundlichen Schilderungen zu lesen. Außerdem habe der amtierende Fürst Georg Wilhelm sofort den Mann sehen wollen, „der den Menschen so trefflich aus dem Herzen und nach dem Munde reden konnte“. Die Begegnung scheint bei Kuhfuß zu neuen Einsichten geführt zu haben. „Bet tau den denkwürdigen drütteihnten März was hei en echten Demokraten, de den Mund höllisch vull namm“, beschreibt Bensen die Wende. „Ein paar Dage darup make hei met einen hörbaren Ruck ne Schwenkung na rechts un word Vertrauensmann von de Regierung“. Der Schwenk vom Pro- zum Anti-Demokaten zahlte sich für Kuhfuß aus. Er wurde zum Hoflieferanten befördert. Sein ergiebigster Kunde war der Schlossherr selbst. „Seiner Durchlaucht ein Mottenloch gestopft = 2 Taler“, oder „Einen Knopf angenäht = 1 Taler“, ist auf Rechnungen vermerkt. In den 1860er Jahren hatte Kuhfuß so viel Geld zusammen, dass er sich zwei neue Villen leistete. Zudem führte er drei Frauen zum Traualtar. Zum Einkauf exklusiver Stoffe reiste er regelmäßig nach Paris, wo er seinen Faible fürs Mondäne entdeckte. Erhobenen Hauptes und aufs Feinste mit Gehrock und Zylinder gekleidet sah man ihn durch die schlammigen Bückeburger Straßen schreiten.

Der exzentrische Sonderling erlangte eine Art Kultstatus. Selbst bei Hofe kam er wohl nach wie vor gut an. Als seine Geschäfte nicht mehr liefen, kaufte ihm die Hofkammer seine Häuser ab. Bis zuletzt soll er Unterhalt aus der Fürstenschatulle bezogen haben. „Hei is woll de einzige pangschonierte (pensionierte) Snider in’n ganzen dütschen Rike wäsen“ (im ganzen Deutschen Reich gewesen) erinnerte sich Heimatdichter Dr. Bensen später.

Sie kennen auch kleine Rätsel Schaumburgs? Schreiben Sie uns an sz-redaktion@schaumburger-zeitung.de oder rufen Sie an unter (0 57 51) 4000-526.



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