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„Sehen und gesehen werden“ lautete das Motto der Kurgäste

Vom Logierhaus zum Bouleplatz

Es war einmal ein angesehenes Logierhaus im Zentrum des Badeortes Pyrmont. Es trug im 19. Jahrhundert den Namen Haus Becker, dann den Namen Kurpension oder Fremdenheim H. Müller und ab Mitte der fünfziger Jahre den Titel Haus Müller-Schneider. Stets konzentrierte sich die Werbung in Anzeigen oder im Hausprospekt auf die Nähe zum Kurzentrum. „Das Haus ist in nächster Nähe des Brunnenplatzes, der Fürstlichen Badehäuser und des Kurparks gelegen.“ Und zusätzlich wird die herrliche Aussicht auf die nahen Berge gepriesen – kurzum, das Logierhaus liegt in einer besonders günstigen Lage. Tatsächlich ist dieser dreigeschossige, verputzte Fachwerkbau ein Gebäude von sieben Achsen, das aus der Zeit des Klassizismus, aus der Zeit um 1800 stammt. Lediglich die Balkongitter sind erneuert.

veröffentlicht am 07.04.2014 um 06:00 Uhr

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Wirft man nun einen näheren Blick auf das Haus Kurpension Müller und auf die Umgebung des Hauses, erschließt sich sofort die Gebäudesituation. Der schwarze Pkw vor dem Eingang zum Fremdenheim, ein Opel P 6 aus der Nachkriegszeit, parkt am Rand der Kirchstraße, die hinaufführt zum ehemaligen Amtsgericht und zu einer parkähnlichen Landschaft mit Kliniken wie die Friedrichshöhe oder Logierhäusern. Auf Höhe des Standortes des Fotografen beginnt der Aufgang zur Stadtkirche, die als Blickpunkt leicht erhöht über dem Kurzentrum „thront“. Und tatsächlich erkennt man auf der rechten Bildhälfte des Fotos im Anschnitt die östliche Außenseite der Wandelhalle, die 1923/24 ihre zeitgenössische Form erhalten hatte. Dann folgt ein von Hecken umgrenzter Brunnenplatz, bevor das vornehme Haus Ockel diesen Platz in Richtung Süden abschließt. Schaut man genauer auf dieses Haus aus dem Klassizismus, in dem die angesehene Familie Seebohm wohnte, dann wird die Bedeutung der Balkonanlage über zwei Geschosse sinnfällig. In der Bäderarchitektur des 18. und 19. Jahrhundert spielen Balkone eine besondere Rolle. Hier wirken sie wie Logen, von denen man das Geschehen auf dem Brunnenplatz beobachten konnte. Und umgekehrt war der Logenplatz für die Bewohner des Hauses nicht weniger wichtig: Man wurde gesehen. Wer heute noch mit offenen Augen durch die Brunnenstraße oder die Hauptallee geht, entdeckt überall diese Balkone. Und das Haus „Fremdenpension Müller“ lebt geradezu von den Balkonen, die sich in Richtung Kirchstraße und Kurzentrum ausrichten. „Sehen und gesehen werden“ lautet das Motto all der Kurgäste, die neben der gesundheitsorientierten Therapie auch das Kommunikationsangebot suchten, das sich aufgrund der vielen Gäste aus allen Teilen Deutschlands und Europas geradezu anbot.

Die Kirchstraße, die auf Höhe dieses Hauses dann in die Lägerstraße übergeht, war damals neben der Brunnenstraße ein bevorzugtes Wohngebiet für Kurgäste. Eine Vielzahl herausragender Häuser wie Haus Schlossblick, das Hotel Güldener Pfennig oder das Parkhotel Rasmussen stehen für diesen Anspruch. Das Haus unterhalb vom Fremdenheim Müller, sonnengeschützt durch eine mächtige Markise, ist ebenfalls ein verputzter Fachwerkbau, in dem sich in der Nachkriegszeit, in den 50er und 60er Jahren, die wohl angesehenste Konditorei Bad Pyrmonts, das Café Überfeld befunden hat. Cafés und Restaurants gehören natürlich zu den Grundvoraussetzungen eines Badeortes wie Bad Pyrmont. Als der Pensionsbetrieb in der Kirchstraße 14 nicht mehr so recht funktionierte, zog mit dem „Steakhaus“ gerade das richtige zeitgemäße Angebot in das Haus. Von 1986 bis 1993 war die Familie Redaelli der ideale Gastgeber für Kurgäste und Pyrmonter Bürgerinnen und Bürger. Gleichwohl gab es 1996 nicht allein wegen der bedenklichen Bausubstanz nur eine Entscheidung. Das Haus musste abgerissen werden. Eine erneute Bebauung dieser Fläche erwies sich als problematisch, zumal das relativ kleine Areal ungewöhnlich verwinkelt war. Die heutige Lösung für diese Fläche, die die Stadt gefunden hat, ist einfach nur genial.

Unter dem Schild „Boule“ entstand hier eine Fläche für Liebhaber des Boulesports. Unter einem Platanendach treffen sich regelmäßig Boulespieler, die den Platz längst in „Place de la Petanque“ umbenannt haben. Zwei Sitzbänke dienen zum Ausruhen und Diskutieren, der Wind aus östlicher Richtung wird durch Holzpaneele vom Spielfeld abgelenkt, Beleuchtungskörper in der niedrigen Umfassungsmauer ermöglichen das Spiel mit den Kugeln auch in den Abendstunden. Was will man mehr im Zentrum des Badeortes – ist doch auf diese Weise ein neues Kommunikationsangebot entstanden.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Der schwarze Pkw vor dem Eingang zum Fremdenheim, ein Opel P 6 aus der Nachkriegszeit, parkt am Rand der Kirchstraße. Heute ist hier ein Platz für Boulespieler.

Museum/uk



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