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Vergleich nach bösem Sturz

Versicherung akzeptiert nach langem Streit Schmerzensgeld

veröffentlicht am 30.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:14 Uhr

Marc Fisser

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Reporter zur Autorenseite

Weserbergland/Celle. Alljährlich erleben Tausende Radfahrer beim „Felgenfest im Wesertal“ einen fröhlichen Tag. Die Strecke zwischen Bodenwerder und Rinteln ist dann eine autofreie Zone, die Straße wird von den Radlern unbeschwert in ihrer ganzen Breite genutzt. Für Elisabeth H. (68) und Markus T. (51) war der Spaß allerdings am Nachmittag des 29. Mai 2011 bei Hohenrode jäh vorbei: Bei einem Überholmanöver durch den Hessisch Oldendorfer kam die Holtenserin zu Fall und verletzte sich an Kopf, Schulter und Fuß. Monatelange Schmerzen und Behandlungen waren die Folge. Wer haftet für den Schaden bei einer solchen Veranstaltung? Die Versicherung von T. weigerte sich. Es begann ein Rechtsstreit, der über das Landgericht Bückeburg bis zum Oberlandesgericht Celle führte. Das Verfahren endete nun schneller als erwartet – nicht mit einem Urteil, sondern mit einem Vergleich.

Die Richter mussten nicht nur den Unfallverlauf rekonstruieren – T. hatte nach Klingeln und Rufen rechts an H. vorbeifahren wollen –, sondern auch klären, ob das Felgenfest ein Radrennen ist. Denn dann wären die Verkehrsregeln auf dieser Straße quasi aufgehoben, die Teilnehmer nähmen die sich daraus ergebenden Gefahren in Kauf. Das Landgericht hatte mit diesem Argument die Ansprüche der Verletzten abgewiesen. Das OLG jedoch kam zur gegenteiligen Einschätzung (Az. 5U183/12): Das Felgenfest sei eine Breitensportveranstaltung, die von allen, die mitfahren, eine besondere Sorgfalt erfordere. Nach zwei Verhandlungstagen in Celle riet der Richter den Beteiligten zu einem Vergleich: T. solle als Hauptverursacher des Unfalls 15 000 Euro als Schmerzensgeld und Schadenersatz bezahlen, H. trage aber eine Mitschuld von 25 Prozent. Denn die Radfahrerin war laut Zeugen mittig auf der Fahrspur unterwegs gewesen und während des Überholvorgangs von T. nach rechts geschwenkt. Rüdiger Zemlin, der H. vertritt, hat als Fachanwalt für Verkehrsrecht schon mehrfach mit schlimmen Fahrradunfällen zu tun gehabt. So habe im Fußgängertunnel am „Grünen Reiter“ in Hameln ein junger Mann einen Senior angefahren; der Rentner zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu – der nicht haftpflichtversicherte Unfallverursacher muss 100 000 Euro Schadenersatz leisten. Zemlin fordert, der Gesetzgeber müsse für Radfahrer die Haftpflichtversicherung vorschreiben; in den üblichen Privathaftpflichtpolicen, die 10 bis 15 Euro pro Monat kosten, seien diese Risiken mit abgedeckt. Auch T. sagt angesichts seiner Felgenfest-Erfahrung: „Eine Haftpflichtversicherung ist sehr wichtig.“ Aber auch so bleibe er auf Hunderten Euro an Prozess- und Fahrtkosten sitzen.

Für Aufsehen hat kürzlich ein Urteil des schleswig-holsteinischen Oberlandesgerichts gesorgt: Es entschied, dass Radfahrer ohne Helm beim Zusammenstoß – in diesem Fall mit einem Auto – eine Mitschuld tragen, wenn der Kopfschutz Verletzungen verhindert oder gemindert hätte. Es bestehe zwar keine Helmpflicht, aber es könne „grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird“.

Laut Zählungen der Bundesanstalt für Straßenwesen schützt in Deutschland innerorts erst jeder zehnte Radfahrer seinen Kopf. Kanadische Forscher haben jedoch keinen Rückgang der Kopfverletzungen nach Einführung der Helmpflicht festgestellt. Auch Sigrid Barbier aus Hagenohsen hat sich mehrfach am Felgenfest beteiligt. „Aber es wird dort oft kreuz und quer gefahren“, bedauert sie. Die 67-Jährige schlägt vor, die Veranstalter sollten sich vor dem Start mit Verhaltensregeln an die Mitfahrenden wenden.



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