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Ursprünglich sollten sie an zwei Wohltäter erinnern – doch dann begann die Legendenbildung

Um die Steine rankten sich Schauermärchen

Diedersen (xb).Zwischen Behrensen und Afferde am Parkplatz an der B 1 stehen zwei alte, verwitterte Flurdenkmale. Wer nicht weiß, wo genau, bemerkt sie vielleicht gar nicht. Vollkommen überwuchert von Gebüsch gegen den Hang gelehnt zeigen beide erhaben herausgearbeitete Kreuze. Darunter ist auf dem linken Stein eine Inschrift zu erkennen: Johann / Heinr: Brock / 1802. Auf dem rechten steht: Arnold/Bavensen Ano. Dom:/1905. Wer waren diese beiden Männer und warum wurden ihnen Gedenksteine errichtet?

veröffentlicht am 13.07.2012 um 06:00 Uhr

Sowohl bei der Gemeindeverwaltung Coppenbrügge als auch im Burgmuseum kann niemand Auskunft geben. Fast alle wissen, dass diese Steine existieren, jedoch will oder kann keiner etwas darüber sagen. In einem einschlägigen Buch sind sie dokumentiert und fotografiert. Dort werden den Steinen verschiedene Bedeutungen zugeschrieben. Einmal heißt es, ein jüdischer Mitbürger sei an dieser Stelle von einem Wegelagerer erschlagen worden. Eine andere Sage erzählt, zwei jüdische Mitbürger hätten sich hier im Streit gegenseitig erschlagen. Zur Erinnerung an ihre Tat wurden die Steine errichtet, die nun „Judensteine“ genannt wurden.

Eine vollkommen andere Richtung schlägt die dritte Vermutung ein: Es handele sich hierbei um Gedenksteine, die zu Ehren zweier Herren, die sich ums Gemeindewohl verdient gemacht hatten, aufgestellt wurden. Schwer zu sagen, welcher Geschichte man Glauben schenken soll.

Doch einer weiß mehr: Gerd Habenicht, Rentner und Chronist aus Diedersen, kennt die Steine genau. In der Diederser Chronik befasst sich eine Seite aus den 1920er Jahren, geschrieben in altdeutscher Schrift, mit den Steinen. Wanderern wird abgeraten, zu später Stunde diese Stelle zu passieren. Dort sollte es „auf alle Fälle nicht geheuer sein. Der und jene Wanderer wollte einen Hund mit rasselnder Kette und feurigen Augen, ja gar einen Mann ohne Kopf gesehen haben“. Außerdem hätten sich an dieser Stelle „zwei Juden“ gegenseitig erschlagen, das bekräftigte in der zeitgenössischen, antisemitisch gefärbten Wahrnehmung die Ungeheuerlichkeit dieses Ortes.

Jahre später erneuerte man die Straße, der alte Weg neben den Steinen wurde zugeschüttet, die Straße verbreitert. Wo man schon mal dabei war, befreite man die Böschung von Gestrüpp und grub die beiden Steine aus. Gesäubert von Moos und Schmutz, konnte man eben jene Namen erkennen: Johann Heinr Brock und Arnold Bavensen. Und man erinnerte sich, das waren doch die beiden Wohltäter dieses Weges. Beide hatten viel Geld in den Ausbau der alten Heerstraße gesteckt, auf der sogar Napoleon gen Osten gezogen sein soll.

Wie aber konnten solch schaurige Geschichten entstehen, wenn es sich doch um Gedenksteine zweier verdienter Männer handelt? Die alte Chronik erklärt es so: „In jener Zeit lagerten oft in der weißen Mergelkuhle oder neben der Remte auf der Trift am Hohlwege Kameltreiber oder Bärenführer. Auch Zigeunerbanden bezogen hier oft Hauptquartier.“ Außerdem, so ist weiter erklärt, konnten der späte Herbstwind, die unheimlichen Geräusche von Uhu und Schleiereule, sowie das gurgelnde Wasser nahe der Remte einen das Fürchten lehren.

Johann Heinrich Bock und Arnold Bavensen aber wollten nie den Menschen das Fürchten lehren. Johann Heinrich Bock, so heißt es auf einem in den 40er Jahren datierten Dokument, sei um 1805 der Gemeindevorsteher von Diedersen gewesen. Sogar seine Nachfahren lebten seinerzeit in Diedersen. Arnold Bavensen soll Mitglied der inzwischen ausgestorbenen alten Adelsfamilie der Gegend gewesen sein. Einer von beiden war gleichzeitig Stiftsherr in Hameln und hat eine größere Summe dem Straßenbau gestiftet.

Obwohl sich die scheinbar schaurige Geschichte als die einer Wohltat herausstellt, übten die Steine auf einen Dieb eine gewisse Anziehung aus. Zwischenzeitlich waren die Steine nämlich verschwunden. Die Suche nach ihnen wurde irgendwann aufgegeben. Ein glücklicher Zufall brachte sie an ihre alte Stelle zurück. „Eines Tages fahre ich mit dem Fahrrad an der Mühle in Harderode vorbei und sehe zwei verwitterte Steine“, berichtet Gerd Habenicht. Es sind die Steine, die Hunderte Jahre zuvor für Aufruhr sorgten und von ihrem eigentlichen Platz verschwunden sind. „In der Grundschule mussten wir die Steine einmal abzeichnen, daher kann ich mich an die Details erinnern“, erläutert Habenicht. Die Steine wurden identifiziert, der Dieb bestraft. Jetzt stehen sie einbetoniert an ihrer alten Stelle, damit ja niemand mehr auf die Idee kommt, mit den Gedenksteinen seinen Garten zu schmücken.

Zwischen Behrensen und Afferde stehen diese beiden verwitterten Steine an der

B 1. Foto: xb



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