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SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil (53) im Gespräch zur Schulentwicklung

„Turbo-Stress ist nicht effektiv“

Die schwarz-gelbe Regierungskoalition in Niedersachsen betrachtet die Integrierten Gesamtschulen (IGS) im Land eher skeptisch. Erst jüngst wurde dem Landkreis Schaumburg nicht gestattet, weitere IGS in Rinteln und Lindhorst einzurichten. Im Lager der SPD aber ist das IGS-Konzept beliebt. Der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Stephan Weil (53), spricht im Interview über die Entwicklung der Niedersächsischen Schullandschaft.

veröffentlicht am 17.10.2012 um 00:00 Uhr

Herr Weil, im Bereich Schaumburg sind zwei Anträge für neue IGS abgelehnt worden. Sollten Sie Ministerpräsident werden, wie schnell könnte sich daran etwas ändern?

Sehr schnell. Ich habe mir vorgenommen, diesen Jahrzehnte alten Schulstreit in Niedersachsen ganz pragmatisch zu lösen. Es ist ein Fehler, wenn eine Landesregierung vorschreibt, welche Schule in welcher Region die Richtige ist. Ich bin ein gelernter ,Kommunaler‘. Ich bin überzeugt, dass die Bürgermeister und Räte darauf hören, was ihnen die Eltern vor Ort sagen. Was soll daran falsch sein, wenn man das dann auch umsetzt? Bei der IGS ist nicht einzusehen, wieso die diskriminiert wird. Die Fünfzügigkeit verlangt man von keiner anderen Schulform. Wir werden unmittelbar nach der Wahl dafür sorgen, dass eine IGS vierzügig, in Ausnahmefällen auch dreizügig genehmigt werden kann.

Von Eltern und Lehrern in Schaumburg gibt es viel Kritik am Abitur nach zwölf Jahren. Wie würden Sie damit im Falle einer Regierungsübernahme umgehen?

Ich kann diese Eltern gut verstehen, denn viele junge Menschen brauchen mehr Zeit zur Entwicklung. Das ist nicht kind- und jugendgerecht, Turbo-Stress ist außerdem nicht effektiv beim Lernen. Wir werden also bei den Gesamtschulen das Abi nach 13 Jahren wieder einführen. Bei den Gymnasien werden wir es aber im Prinzip belassen. Denn denen kann ich es nicht zumuten, binnen kürzester Zeit schon wieder die Rolle rückwärts zu machen. Wir sollten Schulen nicht ständig Wechselbädern aussetzen, auch wenn ich das Abi nach zwölf Jahren für falsch halte. Wir werden prüfen, ob wir auch an den Gymnasien Möglichkeiten finden, dass Schülerinnen und Schüler nach individueller Lerngeschwindigkeit das Kurssystem der Oberstufe in zwei oder drei Jahren durchlaufen können. Damit könnten wir die Sekundarstufe eins entzerren.

Halten Sie die Oberschule für eine gute CDU-Reform? Oder wollen Sie daran etwas ändern?

Das war der leicht durchschaubare Versuch, den Gesamtschulen das Wasser abzugraben. Weil ich für Schulfrieden sorgen will, wäre es aber töricht, die Oberschule wieder abzuschaffen. Wenn vor Ort der Wunsch besteht, eine Oberschule zu halten oder neu zu gründen, wird das gehen. Ich behaupte aber: Wenn wir für Gesamtschulen Wettbewerbsgleichheit hergestellt haben, wird der Trend sehr stark dahin gehen.

Viel Irritationen und Ratlosigkeit gibt es vor Ort, wenn es um die laut EU-Vorgabe bis 2018 umzusetzende Inklusion geht. Was muss passieren, um die Einbindung aller Schüler mit Behinderungen in Regelschulen bewerkstelligen zu können?

Wir müssen das Fundament für die Inklusion erst noch legen. Da ist sehr viel Beratung und Qualifizierung nötig. Es ist auch mehr Lehrpersonal erforderlich. Und Schulen müssen baulich angepasst werden, was für finanziell angespannte Kommunen ein großes Problem ist. Da liegt noch ein längerer Weg vor uns. Im Vergleich zum Beispiel zu skandinavischen Staaten liegen wir in diesem Bereich 25 Jahre zurück. Das bringt die Größe der Aufgabe zum Ausdruck.

Für Inklusion braucht man Geld, aber man bräuchte es auch für die Umsetzung des in Ihrem Wahlprogramm geforderten zusätzlichen und besser qualifizierten Kita-Personals. Wo soll das Geld herkommen?

Das entscheidende Problem unseres Landes ist die demografische Entwicklung. Auch in Schaumburg gibt es einen Bevölkerungsrückgang und der Altersschnitt steigt an. Das heißt: Wenn wir weniger junge Leute haben, müssen wir dafür sorgen, dass diese ihre Talente voll entfalten können und später möglichst vor Ort einsetzen. Da sind wir bei Themen wie Krippenqualität und Ganztagsschulen. Wie schnell wir dafür Geld mobilisieren können, wird neben der wirtschaftlichen Entwicklung vor allem von den steuerlichen Rahmenbedingungen abhängig sein. Es wird diskutiert über die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, was für den niedersächsischen Landesetat etwa eine Milliarde Euro jährlich ergeben würde. Diese Mittel würde ich zum ganz großen Teil in den hier angesprochenen Bereich stecken. Das wäre also keine Reichensteuer, sondern ein Bildungs-Soli. ssr



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