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„Neidköpfe“ von Menschen, Tieren oder Ungeheuern sollen Unheil abwenden

Stille Beobachter an Hamelner Hausfassaden

Hameln. Lange Zeit, bevor die Hamelner Altstadt ein einheitliches Beleuchtungskonzept erhielt, gab es in Oster- und Bäckerstraße bereits ein „Beobachtungskonzept“: Aus den Giebeln dreier alter Steinhäuser blicken neugierige Augen aus vergoldeten Köpfen auf das Gewimmel der Fußgängerzone unter ihnen herab. Der Volksmund nennt diese an Mauern, Türen oder Giebeln angebrachten plastischen Fratzen „Neidköpfe“ – nicht immer handelt es sich bei ihnen um die Häupter von Menschen, gelegentlich finden sich auch die Köpfe furchterregender Tiere oder fabelhafter Ungeheuer an den Fassaden. Was aber nützen die stillen Beobachter aus Stein oder Holz, welcher Aberglaube steckt hinter den „Neidköpfen“?

veröffentlicht am 11.01.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 16:40 Uhr

Wiebke Kanz

Autor

Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Anders als es der Name der Köpfe, spätere Sprichwörter und Hausinschriften vermuten lassen, hatten die Fratzen nicht etwa die Funktion, den Neid von Nachbarn oder Passanten auf sich zu ziehen. So schön und prunkvoll der Bauherr sein Haus auch fand – mit einem eigenen Blickfang, einem vergoldeten Gesicht an der Fassade, wollte er keine Neider auf den Plan rufen.

Um den tatsächlichen Ursprung dieser rätselhaften Köpfe zu finden, muss man weit zurückgehen. Bereits in der Antike, vor allem aber an geistlichen und weltlichen Bauten des frühen Mittelalters wurden in Europa oftmals fratzenhafte Gesichter angebracht. Diese Gesichter gab es in verschiedenen Größen, von der Größe+ eines Handtellers bis hin zur lebensechten Kopfgröße, mitunter erreichten sie in Steinform als Stufe zur Haustreppe aber auch eine Größe von bis zu 1,50 Metern. Da man die Dämonen hauptsächlich dort vermutete, befanden sich „Neidköpfe“ besonders häufig an nach Westen ausgerichteten Pfeilern und Gebäudeteilen. Sinn und Zweck der Fratzen war es, abzuschrecken – nicht etwa missgünstige Nachbarn oder Eindringlinge, sondern böse Gewalten, die das Haus und seine Bewohner bedrohten. Die „Neidköpfe“ sollten also keineswegs Neid erwecken, sondern dienten vielmehr als eine Art Bann- oder Abwehrzauber, der Unheil abwenden sollte.

Seinen Ursprung hat der Brauch vermutlich bei den Kelten, die feindliche Schädel an Bauten anbrachten, um Feinde abzuschrecken. Auch auf Rüstungen wurden Schädel als Glückssymbole angebracht: Mit der Zurschaustellung des Kopfes glaubte man, Gewalt über die Seele und den Geist des Feindes zu haben.

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Wohl ohne Kenntnis dieses keltischen Kults wurde der Brauch vom später christianisierten Volk beibehalten und fand so seinen Weg auch an die Hamelner Hausfassaden.



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