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Wie der Klütturm entstand / Auf Hamelns Hausberg befand sich ein Vorposten des „British Empire“

Steine gehörten zum Gibraltar des Nordens

Hameln. 258 Meter hoch über Hameln liegt es versteckt im Wald, eines der beliebtesten Ausflugsziele der Region: der Klütturm. Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht über die Rattenfängerstadt, die Weser und das Weserbergland, auf der über 99 Treppenstufen erreichbaren Aussichtsplattform lassen sich die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers einfangen – und zugleich dient der 23 Meter hohe, gemauerte Turm als Sende- und Empfangsanlage für den digitalen Alarm der Hamelner Feuerwehr.

veröffentlicht am 14.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:03 Uhr

Wiebke Kanz

Autor

Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Wer rings um den Turm auf dem Klüt auf Spurensuche geht, könnte leicht den Eindruck erlangen, hier habe einst jemand Bauschutt abgeladen, denn auf der Mitte des Bergkammes finden sich im Wald vereinzelte Bruch- und Ziegelsteine. Doch diese Trümmer sind Überbleibsel aus einer Zeit, in der die Rattenfängerstadt eine vor Waffen starrende Festung war: Auf Hamelns Hausberg am gegenüberliegenden Weserufer befand sich einst eine als uneinnehmbar geltende Verteidigungsanlage, welche die Stadt zu einer der stärksten Festungen des damaligen Kurfürstentums Hannover machte.

Gerhard Pieper, Vorstandsmitglied des Hamelner Museumsvereins, beschreibt in seinem Buch „Die Festung Hameln“, dass der Ausbau Hamelns zur welfischen Festung bereits im Jahr 1664 begann. Als die welfischen Kurfürsten ab 1714 in Personalunion auch Großbritannien und Irland regierten, wurde die Festung an der Weser zum Vorposten der britischen Großmacht – und bekam die Folgen bald zu spüren: Stadt und Umland wurden im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) zum Schauplatz weltpolitischer Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Frankreich.

König Georg III. von Großbritannien-Hannover erkannte damals die vom bis dato noch völlig ungeschützten Klütberg ausgehende Bedrohung. Im April 1760 begannen die Bauarbeiten für eine unabhängige Bergfestung jenseits des Flusses, drei Jahre später waren sie mit der weitgehenden Fertigstellung von Fort 1 auf der Bergspitze abgeschlossen. Mit Steinen aus dem Süntel und aus Bodenwerder war eine sechseckige Sternschanze mit unterirdischen Gewölben als Unterkunft für die Mannschaften und zur Lagerung von Verpflegung und Munition errichtet worden.

In Stufen am Berg angeordnet wurden zwischen 1774 und 1784 auf dem Berg noch zwei weitere Forts geschaffen: auf halber Höhe der zur Weser abfallenden Rückenlinie des Klüt Fort 2 und Fort 3 am Fuße des Berges. Der früher dicht bewaldete Klütberg musste sein Holz hergeben, durch Hecken und Verhaue wurden die steilen Berghänge noch unzugänglicher gemacht. Als um 1780 der Osnabrücker Architekt und Baubeamte Hollenberg die Stadt Hameln und die Klütbefestigung besuchte, hielt er in seinem Bericht fest: „Wer zum ersten Mahl darauf und hinein geführet wird, dem scheinet das ganze Werk ein Labyrinth zu sein.“

„Fort Georg“, wie die Gesamtanlage auf dem Klüt genannt wurde, machte Hameln mit seiner Fertigstellung zur stärksten Festung des damaligen Kurfürstentums Hannover. Die Stadt war nun von einem mächtigen Gürtel von Abwehranlagen umgeben, Hamelns Hausberg in das Verteidigungssystem mit einbezogen. Die kurhannoverschen Soldaten, die auch immer wieder in Gibraltar stationiert waren, um die britische Überseefestung gegen spanische und französische Angriffe zu verteidigen, soll der Blick zum kahlen Klüt mit seiner Befestigung nach ihrer Heimkehr an die uneinnehmbare Festung auf der Iberischen Halbinsel erinnert haben. Fest steht, dass die Festung Hameln, das uneinnehmbare „Gibraltar des Nordens“, eine länger andauernde Verteidigung niemals erlebt hat.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Napoleon Bonaparte über die damaligen deutschen Teilstaaten hinwegzog, fiel Hameln infolge einer Kapitulation kampflos an die Franzosen. Festungen im Hinterland, noch dazu nach Westen ausgerichtete, wollte Napoleon fortan nicht mehr dulden. An seinen Kriegsminister schrieb er: „Endlich ist es nötig, dass in diesen Plätzen nichts übrig bleibt, woran man Vorteil ziehen könnte, oder was zu ihrer Wiederherstellung dienlich sein könnte“ – „kein Stein“ sollte in Hameln „auf dem anderen“ bleiben.

Es dauerte ein gutes halbes Jahr, dann war die in knapp zwei Jahrhunderten gewachsene Festungsanlage bis auf wenige Reste dem Erdboden gleichgemacht, die Wälle demoliert und die Stadtgräben zugeworfen. Zur Schleifung der Befestigungsanlage auf dem Klüt wurden auch Sprengungen durchgeführt. Vom ehemaligen „Fort Georg“ sind heute nur noch Reste erhalten: Auf der Berghöhe ist noch der ursprünglich vom Kommandantenhaus überdachte Brunnenschacht vorhanden, der heute allerdings zugeschüttet ist. Ansonsten hatte man damals gründliche Arbeit geleistet.

Nicht nur auf ihren Fundamenten, auch aus den Steinen der ehemaligen Bergfestung auf dem Klüt entstand 1843, als die Franzosen längst fort waren, der „Georgsturm“, der 1887 aufgestockt wurde und seitdem unter dem Namen Klütturm ein beliebtes Ausflugsziel ist. Von hier oben hat man den wohl schönsten Blick über die Stadt – und kann ihre strategisch wichtige Lage auch heute noch nachvollziehen.

Der Klütturm wurde aus Festungssteinen gebaut. Foto: ww



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