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Vor 50 Jahren: Walter Ulbricht beginnt mit dem Bau des Todesstreifens

Stacheldraht gegen die Flucht aus der Ostzone in den goldenen Westen

Schon lange bevor mit dem eigentlichen Bau der Mauer begonnen wird, wirft die gewaltsame Teilung der deutschen Hauptstadt ihre dunklen Schatten voraus. In der Samstagsausgabe vom 12. August 1961 berichtet unsere Zeitung bereits von einer „Blanko-Vollmacht“, die die sowjetische Volkskammer dem Zonen-Regime, unter der Leitung von Walter Ulbricht „zur Sicherung der DDR“ ausgestellt hatte. Weitere Schritte „zur Unterbindung der von Westdeutschland und Westberlin aus organisierten Kopfjägerei und des Menschenhandels“ kündigten sich an; von „neuen Schutzmaßnahmen“ war die Rede.

veröffentlicht am 08.08.2011 um 00:00 Uhr

Dies war allem Anschein nach der letzte Ausweg für die Machthaber der Ostzone. Die ansteigenden Flüchtlingszahlen waren für die Wirtschaft der DDR schon lange nicht mehr tragbar: Heute weiß man, dass 199 188 Menschen allein im Jahre 1960 ihrem Staat den Rücken gekehrt haben, um in den „goldenen Westen“ zu fliehen.

Eine Reaktion war also schon lange überfällig und nahm nun im Zuge einer Nacht- und Nebelaktion am 13. August 1961 Gestalt an: „Mitten in der Nacht zum Sonntag wurden der Verkehr zwischen Ost- und Westberlin und der Verkehr mit den Zonenrandgebieten um Berlin unterbrochen. Stacheldrahtverhaue wurden errichtet, das Pflaster wurde aufgerissen, und an allen Grenzübergängen tauchten Volkspolizisten, Soldaten und Mitglieder der sogenannten Betriebskampfgruppen auf. Panzer rollten in Stellung und richteten ihre Rohre gegen Westberlin“, schildert unsere Zeitung die „besorgniserregende Verschärfung“ der Situation. Empört über „die Willkürmaßnahmen des Ulbricht-Regimes“ versammelten sich auf Ost- und Westseite Menschenmengen von bis zu zehntausend Personen und traten die Stacheldrahtverhaue nieder. Aus Konfrontationen mit den Volkspolizisten der DDR ging auch der erste Verletzte hervor: Ein Bewohner Westberlins wurde durch Bajonettstiche verletzt.

Ein Gebiet, dessen Bestimmung noch im Rahmen eines Friedensvertrags zur Diskussion stand, habe sich die DDR „eigenmächtig vorzeitig angeeignet. Damit wurde der Machtbereich des Kommunismus auf gewaltsame Weise vorverlegt“, stellt unsere Zeitung empört fest. Dominiert sind die zeitgenössischen Beiträge vor allem von Fassungslosigkeit und „heller Empörung.“

Die Notwendigkeit der errichteten Absperrmaßnahmen falle fort, so hieß es damals, „sobald die Friedensregelung mit Deutschland verwirklicht sei“. Die Abriegelungszeit erschien den Menschen als vorübergehender Zustand; man glaubte an ein Ende in absehbarer Zeit. Damals konnte noch niemand ahnen, dass der „Todesstreifen“ nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland für fast drei Jahrzehnte spalten würde. nell



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