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Von Wenns und Abers und einem Widerspruch auf Augenhöhe

Salzkartoffeln und Spielverderber

Alles begann mit der Petersilie auf Omas Salzkartoffeln. Ich, damals vielleicht sechs Jahre alt, mochte keine Petersilie. Wohl aber mochte ich Salzkartoffeln. Man könnte sogar behaupten, ich liebte sie. Aber eben nicht mit Petersilie. Ich verschmähte also die an und für sich perfekten Kartoffeln und verließ den Mittagstisch nicht nur hungrig, sondern auch äußerst schlecht gelaunt ob des entgangenen Genusses. Ein winzigkleines Aber, gut getarnt als feingehacktes Grünzeug, hatte mir den Tag verdorben.

veröffentlicht am 30.11.2019 um 08:00 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Wie sich herausstellte, besaß das Wort Aber exakt dafür ein herausragendes Talent. Ich vermute fast, dass es überhaupt nur zu diesem Zweck erfunden wurde: Als Spielverderber. Denn wo auch immer etwas so perfekt war wie Omas Salzkartoffeln, tauchte postwendend ein Aber auf. Häufig in trauter Zweisamkeit mit einem Wenn. Ich liebte Sonntagsspaziergänge (aber nicht bei Regenwetter), Katzen (aber nur, wenn sie nicht haarten) und rosa Feinstrick (aber bitte ohne Blaustich).

Anfangs waren die Wenns und Abers noch banal genug, um nur ein bisschen lästig zu sein. Ein kleiner Kratzer im glänzenden Lack, nichts weiter. Die meisten perfekten Dinge blieben trotzdem perfekt oder doch wenigstens beinahe. Ich ging spazieren, obwohl es regnete, und kaufte rosa Pullis auch, wenn sie einen Dreiviertelton ins Lila gingen.

Mit den Jahren wuchsen die Wenns und Abers allerdings zu immer stattlicherer Größe heran. Und sie fingen an, Kolonnen zu bilden. Immer mehr rosafarbene, aber leider unperfekt rosafarbene Strickwaren wanderten immer schneller von meinem Kleiderschrank in den Altkleidercontainer. Urlaub war großartig – aber bitte nicht noch mal Dänemark! Geburtstag war toll – wenn er auf ein Wochenende fiel, das aber nicht durch Termine blockiert sein durfte, und auch dann nur, wenn es kein runder Geburtstag war.

Nach und nach umzingelten die kleinen Spielverderber so gut wie alles, was irgendwann einmal vollkommen gewesen war. Und in demselben Maße, wie sie an Zahl und Umfang zulegten, schrumpfte Vollkommenes in ihrem Klammergriff zusammen. Ich erwischte mich schließlich sogar dabei, die Bedenken und Einwände selbst für eine Form von Perfektion zu halten. Je mehr Wenns und Abers mir einfielen, desto besser. Immer öfter fand ich sie deshalb nicht am Ende, sondern schon am Anfang meiner Gedankengänge wieder: Wenn der Mond scheint, das Käuzchen ruft und die Temperatur auch nach Mitternacht nicht unter 18 Grad fällt, sind Sommernächte schön. Wenn ich das Projekt abschließe, der Jüngste in Englisch seine Vier auf eine Drei verbessert und ich noch Zeit finde, zum Friseur zu gehen, darf ich zufrieden mit mir sein. Wenn er mir dreimal täglich schreibt und an den richtigen Stellen die richtigen, aber nicht zu viele Emojis verwendet, ist es Liebe. Viel Platz für Vollkommenheit bleibt da weiß Gott nicht.

Erst kürzlich ist mir klar geworden, dass meine Oma das ganze Elend schon geahnt hat, als sie damals die Petersilie über ihre Salzkartoffeln streute. Dass man der Wenn-und-Aber-Invasion irgendwann die Stirn bieten muss, um das wirklich Gute nicht komplett aus den Augen zu verlieren, war ihr wohl ebenfalls bewusst. Denn in ihrer Küche hing, säuberlich gerahmt und exakt auf Augenhöhe, eine winzig kleine Stickerei. Zwischen Blümchen und Ranken stand da ein einziges Wort: „Dennoch.“

Seit ein paar Wochen liegt in meinem Kleiderschrank nun eine neue rosa Strickjacke.

Der Schnitt ist perfekt, das Material zum Niederknien. Die Farbe ist einen Hauch zu schrill geraten – und dennoch wird sie bleiben.



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