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Texter auf Reisen – vom Zwang, der ganzen Welt ungefragt auch das Privateste mitzuteilen

Ruhe, bitte!

Das Ehepaar M. aus Lüdenscheid hat einen Papagei. Vielmehr hatte. Der musste nämlich jetzt eingeschläfert werden, ausgerechnet, als die M.s nicht zuhause waren. Der hat jeden Tag „Guten Morgen“ gesagt. Jörg und Karin aus Celle haben sich in diesem Jahr einen neuen aufblasbaren Pavillon gekauft, so einen ohne lästiges Gestänge.

veröffentlicht am 24.07.2021 um 11:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Jörg geht ja bald in Ruhestand, obwohl er erst 55 ist. Hat er sich aber verdient, sagt Karin, weil er ja „im Untergrund“ gearbeitet hat. Außerdem haben beide schon eine Coronainfektion überstanden. Woher ich das alles weiß? Ich war im Urlaub.

Was wildfremde Leute einem so alles erzählen, und zwar bei der ersten Kontaktaufnahme. Datenschutz? Was ist das denn? Während es früher häufig zunächst zu klären galt, wie der Familienstand ist, Anzahl von Kindern sowie Berufe wechselseitig genannt wurden, steht heute an erster Stelle das große C. Haben wir alle, die es wissen wollen (oder auch nicht), darüber informiert, dass wir geimpft, genesen oder bitte wenigstens getestet sind, kommt das Unvermeidliche „das haben wir uns aber auch verdient“. Also die Auszeit. Ich frage mich (und auch wirklich nur mich, man will ja im Urlaub keinen Streit) dann, womit. Bin eher dankbar, dass ich in mehrfacher Hinsicht zu den Privilegierten gehöre, überhaupt verreisen zu können, und zwar 2021. Und dann auch noch ohne Staus, Grenzkontrollen und Unwetter. Vorsichtshalber habe ich aber keine idyllischen Urlaubsbilder in den sozialen Medien gepostet – sah ich doch den einen oder anderen abfälligen Kommentar schon vor meinem inneren Auge bezüglich Masken oder Abstand. Denn auch da scheinen ja mittlerweile sämtliche Grenzen des Anstands gefallen, wird allzu oft bewertet und ge- oder auch verurteilt.

Allerdings gibt es dieses Mitteilungsbedürfnis von Urlaubern – in diesem Fall auf dem Campingplatz über die Hecke von Parzelle zu Parzelle – ja nicht erst seit gestern. Gerne werden auch sofort die besten Tipps ausgetauscht – „im Nachbarort gibt es einen hervorragenden Metzger“. Egal, ob du Vegetarier bist oder nicht. Der Urlauber fühlt sich sicher in seinem Revier, wundert sich allerdings laut darüber, dass die Menschen in dem fremden Land so schlecht Deutsch sprechen. Oder der Parkscheinautomat keine Euro nimmt, sondern nur die Landeswährung.

Andererseits gibt es natürlich auch Sicherheit, wenn die anderen einen nicht verstehen können. Ich werde wohl nie vergessen, als ich als Teenager mit meiner urlaubenden Familie in England in einem Zug saß. Eine andere deutsche Familie, die man nicht sehen, aber dafür umso lauter hören konnte, tauschte die privatesten Erlebnisse und Lästereien aus, die in diesem Fall ganz offensichtlich nicht für andere Ohren bestimmt gewesen waren.

Nicht, dass Sie mich jetzt für kontaktscheu halten. Gerade als Hundebesitzer ist das Gespräch über Alter, Fress- und Schlafgewohnheiten, Schwimmleidenschaften, Fell- und Pfötchenpflege oder auch die Anleinpflicht schnell eröffnet. Das ist ein bisschen wie früher bei den Empfängen, bei denen sich die wahren Kenner und Könner des Small Talk von den Introvertierten schnell absetzten. „Züchten Sie auch Rosen?“, oder so.

Schade – ausgerechnet mit der so sympathisch wirkenden Familie aus Slowenien war keine Verständigung möglich. Da muss dann ein freundliches Lächeln reichen. Und es gibt auch Menschen, mit denen man tatsächlich künftig in Kontakt bleiben möchte und sogar Telefonnummern austauscht. So ein Campingplatz ist eben auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, vom Zeltnutzer bis hin zum Luxus-Mobil-Fahrer alles vertreten. Wobei man von der Art der Unterkunft nicht auf das Mitteilungsbedürfnis schließen sollte.

Die Tochter von Karin soll übrigens so bald wie möglich geimpft werden. Auch wenn sie die Pille nimmt. Ja, dann wäre das auch geklärt. Nur die Schuhgröße von Jörg kenne ich nicht.

Warum fahrt Ihr eigentlich weg? Ach ja, um anderen zu erzählen, was das neue Vorzelt gekostet hat und… Zuhause kennen die Geschichten ja schon alle.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub!



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