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Bücher einräumen? Das kann dauern ...

Regalbretter, die die Welt bedeuten

Und hier dann gemischtes Ausland“, sagt meine Frau und lässt die Hand über ein Fach rechts oben kreisen. Ja, wir haben ein neues Bücherregal. „Aha“, denken Sie maximal mäßig interessiert. „Aber versetzen Sie sich doch mal in meine Lage!“, flehe ich mit Nachdruck. Denn so ein neues Regal zieht langes Abwägen nach sich, viele brisante Entscheidungen. Ein guter Teil unseres Bücherbestands darf nun vom Ober- ins Untergeschoss ziehen. Aber so eine Bibliothek zu verlagern, gar aufzuteilen, ist kein Kiesschüppen. Es ist ein gigantisches Puzzle, ach was: ein Lego-Todesstern ohne Bauanleitung.

veröffentlicht am 04.09.2021 um 09:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Als Erstes brauchen wir: ein Ordnungssystem, Kriterien. Wir halten das erste flexibel und die zweiten simpel: Was nicht gefällt, fliegt – beziehungsweise: Bekommt nur noch einen Dritte-Klasse-Platz in Schrank oder Kiste, vielleicht auch einen im Aussortier-Karton. Gnadenlos ignorieren wir den literarischen Kanon und reißen sogar Familien auseinander.

Die Manns zum Beispiel. (Gut, die wären vielleicht für ein Auseinanderreißen sogar ganz dankbar gewesen.) Denn: Brauche ich den „Zauberberg“ im Wohnzimmerregal, weil ich seine 1000 Seiten in jungen, freizeitreichen Jahren mal ohne Sauerstoffgerät erklommen habe? Damals machte sich in manchen Regalen Thomas-Mann-Taschenbuch-Gesamtausgaben breit. Bei Studenten der Naturwissenschaften zumeist, getrieben vom Wunsch, auch beim Lesen nichts falsch zu machen. Ein Fehler. Thomas Mann bleibt oben, Sohn Klaus („Mephisto“ – klasse) darf mit nach unten. Unser einziger Wohnzimmer-Mann. Was ist mit Heinrich? Schwierige Frage. Bekomme ich eine Lesepause?

Und nach welchen Kategorien sortieren wir? Alphabetisch? Auf keinen Fall. Biografisch? Funktioniert nicht. Nach Größe und Farbe? Neeee. Nationen oder wenigstens Kontinente bieten sich an. Eine mitunter heikle Entscheidung. Ist es politisch vertretbar, ein Reste-Fach „deutsch und so“ zu füllen? „Was ist ,und so‘?“, frage ich mich gleich selbst etwas erschrocken und schiebe dort dann doch neben deutsche Autoren noch Norweger und Schweizer. Passt gerade gut. Ich nenne das Fach wohl besser „Nord- und Mitteleuropa“.

Die USA jedenfalls sind auch im Regal Supermacht. Allerdings fallen amerikanische Romane auch oft dicker aus als deutsche. Kommen mir aber meistens dünner vor, denke ich noch. So oder so: Die paar Russen unten rechts gucken eifersüchtig.

Und was ist mit dem ganzen peinlichen Kram? „Endlich Nichtraucher!“, „Endlich Nichtesser!“, „Endlich jemand, der keine unsinnigen Ratgeber kauft!“ – diese Kategorie halt. Kann alles in die Kiste. Und Comics? Nur die schicken Graphic Novels ins Wohnzimmer oder auch die ramponierten Peanuts-Taschenbücher? Schon wieder: schwierig.

Aber generell habe sich ja das mit den bürgerlichen Bibliotheken nun erledigt, ist in diesen digitalen Zeiten manchmal zu lesen. Tatsächlich haben solche Regalwände ja auch immer was von den kleinen Metallabzeichen damals an Opas Wanderstock: Guck mal, was ich schon alles geschafft habe! Sind nur deutlich sperriger als so ein Stöckchen, diese Regalwände, vielleicht aber schon ähnlich antiquiert.

So gesehen, ist es nur gut, dass nicht jedes dieser Lesesouvenirs dort im Regal geblieben ist, wo es mal hingeschoben wurde. „Herr Lehmann“ von Sven Regener ist wohl schon länger auf Reisen, „High Fidelity“ von Nick Hornby dudelt anderswo. Sollen sie ihren Spaß haben. Im Grunde hortet man ja genau dafür Bücher. Um an der richtigen Stelle zur richtigen Person sagen zu können: „Hier, nimm mit!“ Aber was ist mit selbst – sagen wir mal – noch nicht zurückgegebenen Büchern? Als Diebesgut reumütig verstecken oder dreist ins Regal? „Seht ihr, so läuft das Leih-Business nun mal!“

Am Ende bleibt noch die Ultima Ratio des Bibliothekars: Was tun mit Büchern, die wirklich niemand mehr haben mag? Weder abgekauft, noch geliehen, noch geschenkt? Altpapier? Warum eigentlich nicht? Und schon klingelt der bildungsbürgerliche Großalarm! „Bücher wegwerfen ist ja fast, wie Bücher verbrennen!!!“, schallt er schrill. Ich schalte ihn durch einen gezielten Wurf mit Band drei meines 30 Jahre alten Literaturlexikons aus. Nein, Bücher wegwerfen ist, wie Platz im Regal schaffen – sonst nichts. Für bessere Bücher.



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